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Geiz und Neid und böſe Luſt --
dann nach ſchweren, langen Kämpfen
kannſt du ruhen, deutſche Bruſt.
Nicht einmal, gar oft iſt Haß und Argwohn, Geiz und Neid ein Hemmnis
geſunder Volksentwielung bei uns geweſen. Wie ſind noch kurz vor dem Weltkrieg
troß 1870 oft Nord- und Süddeutſche verſtimmt gegeneinander geweſen, wie ſind
insbeſondere die oberen Stände des Volkes und der Arbeiterſtand in hochmütigem
Proßentum und erbittertem Klaſſenhaß einander entfremdet geweſen, wie haben die
Anhänger verſchiedener Bekenntniſſe, verſchiedener Parteien einander bekämpft! Da
kam der Weltkrieg; da erſcholl das herrliche Wort unſres Kaiſers: „Ich kenne keine
Parteien mehr; ich kenne nur noc< Deutſche!" Und ſein Wort ward die Loſung,
daß alle, die da hinauszogen, ſich als Kinder derſelben Mutter Germania fühlten,
brüderlich in Not und Tod zuſammenhielten, daß alle, die daheim blieben, in den
Vereinen und Privatleben als Brüder und Schweſtern zuſammenſtanden. Denkt
an das Rote Kreuz, den Vaterländiſchen Frauenverein, den Städtiſchen Hilfs-
ausſchuß! Seid ihr nicht ſtolz geweſen, auch das Eure am großen, gemeinſamen
Liebeswerk zu tun: Ihr habt für die Soldaten Strümpfe und Wollſachen geſtrickt, ihr
habt Metallſachen , Wolle und Kleidungsſtü>e, Obſt und Marmeladen geſammelt
und ſelbſt geſpendet, ihr habt Liebe8gaben an eure Lehrer und an ſo manche, auch
oft unbekannte Krieger hinaus ins Feld geſandt. Das große Muß des Krieges,
der uns allen Sparſamkeit im Brotverbrauch, wie überhaupt in der ganzen Lebens-
führung vorſchreibt, iſt euch, hoffe ich, eine Schule der Selbſtbeſcheidung, des
Verzichts auf eigenen Genuß zu Gunſten anderer geworden. Möge dieſer Geiſt
der Opferfreudigkeit und des Gemeinſinns, das LUnterpfand der inneren Feſtigkeit der
Volksgemeinſchaft, nie erſtickt werden durch - die Mächte der Selbſtſucht, die in ſo
manchem gerade auch in Zeiten der Not ſich regen. Denkt an Schenkendorfs
Mahnung:
Nimmer wird das Reich zerſtöret,
Wenn ihr einig ſeid und treu!
Der Geiſt von 1813 und 1914 iſt endlich auch ein Geiſt der Frömmig-
keit und des Goktvertrauens. Denkt an Arndts Frage und Antwort:
Wer iſt ein Mann? -- Wer beten kann
und Gott dem Herrn vertraut;
wenn alles bricht, er zaget nicht,
dem Frommen nimmer graut,
an Körners Worte in ſeinem Aufruf:
Es iſt kein Krieg, von dem die Kronen wiſſen ;
es iſt ein Kreuzzug, '8 iſt ein heil'ger Krieg.
In feierlicher Weiheſtunde ließen ſich die Ausziehenden damals in den Kirchen
den Segen zum Kampf auf Tod und Leben geben. Schön ſpricht das wieder
unſer Körner aus:
Wir treten hier im Gottes8haus
mit feſtem Mut zuſammen.
Uns ruft die Pflicht zum Kampf hinaus,
und alle Herzen flammen, |