Full text: Monatsblätter für den katholischen Religionsunterricht an höheren Lehranstalten - 11. 1910 (11)

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Monatsblätter f. d. kath. Rel.-Unt. an höh. Lehranstalten. Juli tdlO. 
müßte er etwas tun und es zu gleicher Zeit und unter derselben Rücksicht nicht 
tun. Wie daher alle vernünftigen Gedanken, so ruhen auch alle vernünftigen 
Handlungen auf dem Satz von Widerspruch. 
In der Tat, wenn ein Philosoph seine Gedanken entwickelt, dann muß er 
stets wählen zwischen dem, was ihm vernünftig und dem, was ihm unvernünftig 
erscheint. Nicht minder das Kind. Wenn es eigensinnig ist, so geht in ihm die 
gleiche Wahltätigkeit vor sich wie beim Philosophen. Wie könnte ein Baumeister 
einen Dom entwerfen, wenn er nicht zwischen Kontradiktorischem wählen könnte? 
Alles, was sonach der Mensch je gedacht und getan hat, beruht auf dem Satz von 
Widerspruch. Seine Wichtigkeit kann nicht ohne Grund gleichgestellt werden der 
Bedeutung der Gesetze, die sich in der unvernünftigen Welt Geltung machen. 
2. Sehen wir die materielle Welt an, so handelt diese niemals kontra 
diktorisch entgegengesetzt. Die Elemente, welcher Art immer sie sein mögen, 
handeln entweder eindeutig oder mehrdeutig, nach einer oder nach mehreren 
Richtungen, niemals aber kontradiktorisch entgegengesetzt. Denn sonst müßten sie 
zu gleicher Zeit und unter derselben Rücksicht dieses und nicht dieses tun, die 
Schwerkraft z. B. müßte zugleich wirken und nicht wirken, der Baum zugleich wachsen 
und nicht wachsen, das Gehirn den Lichteindruck zugleich aufnehmen und nicht auf 
nehmen. 
Es ist wahr, daß wir die Dinge der Natur nur sehr unvollkommen kennen. 
Aber soviel erkennen wir ganz genau, daß sie nicht kontradiktorisch entgegengesetzt 
arbeiten. 
3. Nun sind Atheisten und Theisten darüber einig, daß die Erscheinungen 
in der Welt eine Ursache haben müssen. Die Einheit der Naturkräfte erzwingt 
diesen Gedanken. 
Es muß nun eine Ursache geben, die ebenso imstande ist, bei den vernünf 
tigen Wesen Kontradiktorisches hervorzubringen wie sie imstande ist, bei den un 
vernünftigen Wesen Eindeutiges zu bewirken. Sie muß also selbst die Kraft 
für kontradiktorisch Entgegengesetztes in sich haben, sie muß die Natur beider 
Kräfte erkennen, sie gegeneinander abwägen und eine begründete Auswahl 
zwischen ihrer Wirksamkeit treffen. Das kann eine blinde Naturkraft nicht leisten. 
Eine nicht geistige^. Ursache mit kontradiktorisch entgegengesetzten Kräften würde 
sich selbst vernichten, wenigstens ihre eigene Tätigkeit aufheben. Hat sie aber 
diese Kraft nicht in sich, dann kann sie auch nicht die Ursache von kontradiktorisch 
Entgegengesetztem, kann sie nicht die (letzte) Ursache all dessen sein, was je der 
Mensch Vernünftiges gedacht und getan hat. Daher muß die Ursache hiervon 
ein vernünftiges, freies persönliches Wesen sein, das somit nicht die Weltsub 
stanz sein kann, sondern außerweltlich sein muß. 
4. Daß wir Menschen imstande sind kontradiktorisch zu handeln, sagt uns 
unser Selbstbewußtsein. Wer dies leugnet, scheidet aus jeder Diskussion aus. 
Daß die unvernünftigen Wesen nicht kontradiktorisch handeln, lehrt die tägliche 
Erfahrung und die Naturwissenschaft. Daß eine blinde Substanz nicht die Ur-
	        
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