Full text: Verhandlungen der ... Direktoren-Versammlung in der Provinz Schlesien - 8=30.1888 (8)

126 Ziel und Methode des naturbeschreibenden Unterrichts. Referat, 
ob Seine Anschauungen klar und deutlich oder unklar und verschwommen 
Sind; denn nur, was klar gedacht ist, kann auch klar ausgesprochen 
werden. So wird er beim Begchreiben gezwungen, fortwährend Selbst- 
kritik zu üben, und darin liegt nicht nur ein wisgenschaftliches, Sondern 
auch ein ethisches Bildungsmittel. 
Das Zeichnen. Aber die Wortbeschreibung des Schülers, auch wenn 
Sie anscheinend wohl gelungen ist, wird dem Lehrer doch niemals volle Ge- 
währ leisten, daſs die anscheinend richtig in Worte umgegetzten An- 
Schauungen wirklich vorhanden und nicht hier und da oder wohl gar völlig 
Wiederholungen des Gehörten und nur gedächtnismäſsig Aufgenommenes 
Sind. Je gröſfser die Frequenz der Klasse, und je weniger daher der Lehrer 
beim Unterricht gelbst d. h. beim Beobachten im stande ist, alsbald fest- 
zustellen, ob jeder einzelne Schüler richtig geSehen, überhaupt gegeben 
und eine klare Anschauung gewonnen hat, desto mehr ist zu begorgen, 
daſs er bei der Wiederholung, namentlich in der nächsten Stunde, aus 
dem Lehrbuch angeeignetes Gedächtniswerk zu hören bekommt. Das 
unter gewissen VorausSetzungen unfehlbare Mittel, auf die gchnellste 
Weise festzustellen, welcher Fall vorliegt, ist die Zeichnung an der Tafel, 
die der Schüler als Beweis, daſs Seine Worte von richtigen Anschauungen 
diktiert Sind, zu entwerfen hat. Aber diese wertvolle Kontrole ist keines- 
wegs der einzige Nutzen des Zeichnens und ist anch nur anwendbar, wenn 
der Schüler im naturhistoriSchen Zeichnen eine gewisse Übung hat, die 
er aus dem Zeichenunterricht gewöhnlich nicht mitbringt. Diese Übung 
muſs ihm der naturbeschreibende Unterricht geben und zwar Schon des- 
halb, weil das Zeichnen für den Durchschnittsschüler das vorzüglichste 
Mittel ist, ihn zum genauen Beobachten zu nötigen, dadurch klare und 
genaue Anschauungen zu gewinnen und diese dem Gedächtnis dauernder 
einzuprägen, als dies auf irgend eine andere Art möglich ist.*) Der 
Lehrer unterrichte daher mit der Kreide in der Hand, indem er das Bild 
*) Die Unfertigkeit der Schüler im Zeichnen gcheint hier ein unüberwindliches 
Hindernis zu bieten, ist dies aber doch nur dann, wenn der Lehrer die Mühe scheut, 
im naturbeschreibenden Unterricht zugleich naturhistorischer Zeichenlehrer zu gein. 
Von einem methodischen Unterricht im Zeichnen nach der Natur kann dabei natürlich 
nicht die Rede gein, Sondern nur von einem vorbildlichen Verfahren, das zur Nach- 
eiferung anspornt, und von gelegentlichen Winken und Anweisungen, alles Dinge, die 
beim Lehrer eine gewisse Übung im Zeichnen voraugsgetzen, aber Keine gröſsere, als 
Sich jeder Naturgeschichtslehrer, wenn er nur will, aneignen kann und aneignen muſs, 
wenn er ernstliche, gründliche und dauernde Unterrichtgerfolge erzielen will, Hier liegt 
der Angelpunkt für die weitere Vervollkommnung der naturbeschreibenden Unterrichts- 
methode; das haben auch alle neueren Methodiker gefühlt, aber gich meist gescheut, 
die bestimmte, unabweisliche Forderung zu stellen: Der naturhistorische Unter-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.