Full text: Verhandlungen der ... Direktoren-Versammlung in der Provinz Schlesien - 8=30.1888 (8)

Ziel und Methode des naturbeschreibendenu Unterrichts. Referat, 135 
Familien aus dem Rahmen des künstlichen Systems, in dem gie mogaik- 
artig Stecken, erst herausgerissen werden müssen, um einer neuen 
Kombination, nämlich der des natürlichen Systems, eingefügt zu werden.*) 
Ein Solches Einfügen der wenigen, teils aus dem Linn6schen System, 
teils vermittelst der Bestimmungsübungen dem Schüler notdürftig bekannt 
gewordenen natürlichen Pflanzenfamilien in einen neuen fertigen Rahmen, 
den des natürlichen Systems, iSt wohl in den meisten Fällen das, was 
man Kenntnis des natürlichen PflanzensyStems an den Anstalten zu 
vennen beliebt, wo Schon in V oder gSpätestens in IV die Kinführung in 
das LinneSche System und die davon unzertrennlichen Bestimmungs- 
übungen fortan fast das ganze botanische Interesse des Schülers ausfüllen. 
Von einem Erarbeiten des natürlichen SyStems im Unterricht, durch die 
Seine Kenntnis allein bleibenden Wert gewinnt, die aber auch gar nicht 
früh genug begonnen oder mindestens vorbereitet werden kann, wenn gie 
zu einem gewissen Abschlusse gelangen und zu einem irgend wertvollen 
Bestandteile der allgemeinen Bildung sich gestalten Soll, kann da nicht 
mehr die Rede Sein. 
Die Richtigkeit dieser Behauptungen wird durch die Art, wie die 
methodischen Lehrbücher Sich mit der Aufgabe, auf das Linnesche 
SysStem das natürliche aufzupfropfen, abfinden, in Schlagender Weise be- 
Stätigt. Vogel und Gen. vergüchen doch noch (und zeigen auch hierin 
Sich den andern überlegen), nachdem gie in Kurgus II der Bildung des 
Familienbegriffs wenigstens vorgearbeitet, in Kursus III einige Familien 
auf induktivem Wege zu erringen, Sehen Sich aber angegichts der kurzen 
Unterrichtszeit, die nur noch zur Verfügung Steht, Schlieſslich doch ge- 
*) Das Linnegche S8. bildet an vielen Anstalten noch immer den Mittelpunkt 
des botanischen Unterrichts und ist auch durch die Macht der Gewohnheit 80 fest ge- 
wurzelt, daſs es ihm an Verteidigern unter den Ref. nicht fehlen kann. Daſs es keine 
Vorstufe für das natürliche System , 8ondern ein Hindernis für dessen Entwickelung, 
iSt Schon oben gezeigt worden. Zur Entwickelung des Gattungs- und Artbegriffes ist 
es völlig überflügssig und verführt nur dazu, dem ersteren eine weit gröſsere Bedeutung 
beizulegen, als ihm beim Unterricht zukommen darf und oll. Als Mittel, Pflanzen zu 
bestimmen, ist es für den Schüler nur in beschränktem Maſse brauchbar und durch 
bessere Hilfsmittel längst ergetzt. Schon der Umstand, daſs die Worte Klasse und 
Ordnung im Linneschen S8. in ganz anderem Sinne gebraucht werden als im natürlichen, 
wirkt auf den geistig ungewandten Schüler verwirrend. Nur die 8chwerwiegendsten 
Gründe konnten es rechtfertigen, in der Botanik nach zwei Systemen zu unterrichten, 
während eines dem Schüler Schon genug Arbeit macht. Und wer hat je daran gedacht, 
in der Zoologie dem natürlichen 8. ein künstliches vorangehen zu lasgen ? Man ver- 
Suche daber, wie in der Zoologie, mit einem System auszukommen, und man wird gich 
bald überzeugen, daſs man den Unterrichtszweck viel besger erreicht. Den Verdiensten 
Linnes wird Rechnung getragen, wenn man nach Beendigung des natürlichen S. zum 
Vergleich auch jenes vorführt und Seine gegehichtliche Bedeutung kurz auseinandergetzt.
	        

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