Full text: Verhandlungen der ... Direktoren-Versammlung in der Provinz Schlesien - 8=30.1888 (8)

Die richtige Aussprache des Lateinischen auf den höheren Lehranstalten. Protokoll. 211 
das Wichtigere nur leiden müſste, und doch nicht zum erwünschten Ziele 
führen. Es Sei also maſsvoll vorzugehen und nur das Erreichbare auf- 
zunehmen. 
Hiernach empfehle Sich, daſs für die zu lehrende Aussprache, wie 
Schon Ritsch1l bemerkt habe, dem auch unter anderen Hartel zustimme, 
die Ciceronianische Epoche gewählt werde, die frei Sei von Späteren Ver- 
änderungen und Entstellungen. Ein Übelstand lieſse Sich dabei allerdings 
nicht vermeiden, daſs nämlich dann die Aussprache mit der eingeführten 
Brambachschen Orthographie Sich nicht decke, welche den Schriftgebrauch 
des jungen Lateins (von Nero bis Hadrian) berücksichtige, und dies Sei 
bei dem phonetiSchen Charakter der lateinischen Schreibweise in Er- 
wägung zu ziehen. 
Zum Schluſs erklärt Referent, er habe Sich mit dem Korreferenten 
über die aufzustellenden Thegen geeinigt; beide Seien 8ie der Ansicht, 
daſs wenigstens eine annähernd richtige Aussprache hergestellt werden 
mügse, aber es Sei notwendig , daſs dabei an den höheren Lehranstalten 
der Provinz nach einheitlichem Gesichtspunkte verfahren werde. 
Der Korreferent führt aus, wenn es Sich nur um das philologische 
Fachinteresse handele, dann müſste die Ausprache des Lateinischen 80 
durchgeführt werden, wie die WissSenschaft Sie gegenwärtig vermittelt 
habe. Das Fachinteresse Sei aber dem pädagogiSschen unterzuordnen. 
Er befürchte, daſs es zur umfasgenden Durchführung Solcher Neuerung 
an Raum und Zeit fehle. Ferner Sei ihm das Bedenken aufgestiegen, ob 
nicht ein zusammenhangloges Nebeneinander der neueren Aussprache mit 
der überlieferten Unterrichtspraxis entstehen würde. Daher habe er Sich 
die Frage vorgelegt, welcher pädagogiSsche Gewinn, welcher Gewinn für 
die gesamte Bildung der Schüler Sich aus einer Reform der lateinischen 
AusSprache ergeben würde. Die lateinische Sprache, S80weit Sie unsere 
Schüler kennen lernten, habe durchaus im Dienste der Öffentlichkeit ge- 
Standen, ihre Wirkungen Seien auf das Ohr des Hörers, nicht auf das 
Auge des Legers berechnet gewesen. Man Könne daher nicht das volle 
Verständnis für die Klangwirkungen des Lateinischen gewinnen, wenn 
man Sich gegen eine einigermaſsen richtige Aussprache gleichgültig ver- 
halte. Das müsse uns ein Fingerzeig Sein, daſs beim lateiniSchen Unter- 
richte viel mehr, als es in der überlieferten Praxis der Fall Sei, von 
Sexta bis Prima das Ohr des Schülers durch charakteristisSche Übungen 
zu Schulen Sei. Kine Reform der AussSprache habe aber nur dann einen 
Wert, wenn Sich daraus ein didaktisScher Gewinn ergebe und zwar ebenso 
in bezug auf die formelle Seite, auf die Behandlung des Unterrichtes, 
als auf die inhaltliche, die zu gewinnende Linsicht. Wenn eine Aus- 
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