Full text: Verhandlungen der ... Direktoren-Versammlung in der Provinz Schlesien - 8=30.1888 (8)

64 Bestrebungen auf Herstellung der Einheits3chule. Korreferat. 
Allerdings ist die Stellung, welche das Lateinische und Griechische 
und mit ihnen die Erkenntnisse und Ideen des klasSischen Altertums in 
der christlichen Zeit bis heute eingenommen haben, eine wechgelnde 
gewesen; eine andere im Mittelalter, eine andere Seit der Renaissance, 
eine andere Seit dem 18. Jahrhundert. Aber wenn es auch „jetzt eine 
wisSenschaſftliche Litteratur in den modernen Sprachen giebt, die zwar 
aus der griechisch-römiSchen hervorgewachsen ist, aber jetzt nicht mehr 
aus jener Ihre Nahrung Saugt; wenn es auch jetzt eine Schöne Litteratur 
in den modernen Sprachen giebt, die aus der antiken Stoffe und Formen 
ererbt, aber freilich in der Art assimiliert hat, daſs ihre Schöpfungen doch 
ganz Erzeugnisse des Kigenlebens der modernen Völker gind" (Paulsen 
Gegch. d. gelehrten Unterrichts S. 782), 80 iSt darum das Studium der alten 
Sprachen als Vorbereitung und Einführung in das Verständnis der mo- 
dernen Kultur noch nicht überflüSSig geworden. Es braucht ja die Ge- 
Jehrtenschule nicht „im 16. Jahrhundert Stehen zu bleiben, während die 
Völker nahe am Eingange des 20. Jahrhunderts Stehen"! Wenn nicht alle 
Zeichen trügen, 80 ist eine Bewegung im Gange, welche dem klassischen 
Unterrichte auf der VorbereitungsSchule eine modifizierte Stellung be- 
reitet, in welcher er weiter, wie früher, Seine Segnungen ausschütten 
kann, ohne die modernen und nationalen Elemente der Bildung in den 
Hintergrund zu drängen. Übrigens Sollte Schon die Erwägung, daſs kein 
Volk ungestraft mit Seiner Vergangenheit bricht, davon abschrecken, alt- 
bewährte pädagogiSche Bahnen zu verlassen, vielmehr den Ansporn dazu 
geben, Sie den BedürfnisSzen der Gegenwart anzupasSen und neu zu 
bereiten. 
Es liegt endlich in dem Bewuſstwerden der Erfahrung, daſs jene 
fern in der Vergangenheit zurückliegenden Völker mit uns in dem 
allgemein mensSchlichen Denken und Empfinden im wegentlichen über- 
einstimmen, und doch wieder ein grundlegender Unterschied zwischen 
der antiken und modernen Kultur obwaltet, eine unendliche Fülle frucht- 
barer Anregungen auch für die Gegenwart, die noch verstärkt werden, 
wenn dabei erwogen wird, daſs der Genius der antiken Welt die ganze 
Ihm innewohnende plastiSche Kraft Schöpferisch vergucht und erprobt 
hat, bis in der Fülle der Zeiten das Christentum die Welt regeneriert 
und ihr einen unerschöpflichen Schatz der geistigen Erneuerung verliehen 
und 80 auch die alten Bildungskeime mit neuem Leben befruchtet hat. 
In dieser AuffasSung ist und bleibt das Studium der antiken Welt 
das Palladium einer idealen LebenSauffasSung. 
Daſs endlich eine Schule, welche die allgemeine Vorbildung für 
höhere Studien gewähren Soll, in der gegenwärtigen Zeit die modernen
	        

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