Full text: Verhandlungen der ... Direktoren-Versammlung in der Provinz Schlesien - 8=30.1888 (8)

Ziel und Methode des naturbeschreibenden Unterrichts, Referat, 89 
Die Eingicht, daſs auch der Bau der Sprache festen Gegetzen unterliegt, 
kann erst auf einer weit höheren Stufe gewonnen werden, durch Vver- 
gleichende Sprachforschung, die nicht Sache des Schülers, jedenfalls nicht 
des Anfängers Sein kann. Auch liegt in der Natur des Sprachlichen 
Unterrichts nichts, was zur Induktion zwingt. Man kann die frem- 
den Sprachen auch auf deduktivem Wege lernen und lernt Sie gröſsten- 
teils auch heut noch 89. NaturwisgSensSchaftliche Erkenntnis aber iSt ohne 
Induktion, die mindestens die VorausSetzungen und Grundlagen für ein 
weiteres deduktives Verfahren geschaffen haben muſs, einfach unmöglich, 
und jede dogmatische Mitteilung von naturwissenschaftlichen Kenntnissen 
für die Erkenntnis teils wertlos, teils von untergeordnetem Werte.*) 
Auch lehrt die Erfahrung, daſs die Fähigkeit der Beobachtung und die 
Geübtheit im induktiven Denken, gewonnen auf einem anderen Gebiete, 
als0 Zz. B. dem Sprachlichen, Sich nicht ohne weiteres auf das natur- 
wisSSenschaftliche übertragen läſst; Sonst müſste ja jeder Sprachlich durch- 
gebildete ohne weiteres auch für die NaturforSchung befähigt Sein. Ab- 
gesehen davon, daſs Sprachliche Induktion die Ausbildung der Sinne nur 
in einem Sehr beschränkten Maſse fordert, während die naturwisSen- 
Schaftliche die Beobachtungsfähigkeit zur unbedingten Voraussetzung bat, 
Sind auch die Objekte der Forschung in beiden Fällen 80 verschieden, 
daſs die früher oft gehörte Behauptung, tüchtige philologische Bildung 
bezw. Vorbildung befähige, wie für Alles, 80 auch für die NaturforSschung 
und der Medizin heut kaum noch gehört wird.**) 
Mit einem Wort, auch wenn der Sprachliche Unterricht Sich ganz in 
den Dienst der Induktion Stellen wollte und könnte, 80 würde das un- 
Sere höheren Lehranstalten doch nicht von der Verpflichtung entlasten, 
Stellt, teils als weniger wegentliche Merkmale, die bei der Bildung der höheren Begriffe 
ausgeschieden werden. Sie können dem Schüler die Überzeugung von der Gewiſgheit 
des durch Beobachtung und Induktion Gefundenen nicht rauben. 
*) Zur Ausbildung dieser wichtigen Seite der mengchlichen Geistesthätigkeit 
(der Induktion) erweist gich keine andere Disziplin als 80 geeignet, wie die Wigssen- 
Schaft, die ausschlieſslich auf ihr beruht, und die es daher möglich macht, eine nicht 
bloſs gelegentliche, 80ndern durchweg 8systematische Anleitung zu dem Vollziehen in- 
duktiver Denkprozesse zu geben (Liegnitz städt. Gymn.). 
**) Die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften überhaupt nimmt vorzugs- 
weise die Beobachtung, welche uns die Körperweit aufschlieſst, in Angspruch, eine 
Thätigkeit des Geistes, die durch keinen andern Zweig der Gymnagialstudien kultiviert 
wird, deren Ausbildung aber für jeden Mengchen, er gehöre einem Berufe an, welchem 
er wolle, von unschätzbarer Wichtigkeit ist, und den manche Berufszweige ganz und 
gar nicht entbehren können. Es wird daher durch den Betrieb der Naturwisgenschaften 
eine Sehr wesgentliche Befähigung erworben, die ohne gie nicht zur Entwickelung käme, 
und dies ist der formal bildende Einfluſs dergelben. Schmidt, Encyklopädie Bd. V, 
pag. 100.
	        

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