Full text: Verhandlungen der ... Direktoren-Versammlung in der Provinz Schlesien - 8=30.1888 (8)

99 Ziel und Methode des naturbeschreibenden Unterrichts, Referat. 
worden iSt, darf heutzutage keinem Gebildeten mehr fehlen. Es ist wohl 
kaum zu viel geSagt, wenn man behauptet, daſs erst aus dieger Eingicht 
heraus der Mensch ein richtiges Verständnis für die Entwickelung der 
Menschheit überhaupt, 80 wie für die Fortschritte in Kultur und Ge- 
Schichte gewinnen kann".*) 
Aber die Regelung des GrundverhältnisSes, in dem der Mengch zur 
Natur Steht, würde eingeitig Sein, wenn Sie bloſs das theoretische Verhalten 
ins Auge falſste, das in der Erwerbung eines gewissen Maſges von 
Naturkenntnis besteht und in der Auffassung von einem Weltganzen 
gipfeln würde. Mit Recht machen Görlitz, Brieg u. a. R. darauf auf- 
merksam, daſs unger Verhältnis zur Natur uns zur Pflicht macht, auch 
unger praktisches Verhalten zu dergelben zu regeln und der Referent der 
Breslauer Oberrealschule weist an einzelnen Beispielen nach, wie ver- 
Schieden Sich dasSelbe je nach der theoretischen Stellungnahme ge- 
Staltet. **) 
Daſs die Schule, wie in den Referaten mehrfach bemerkt wird, in 
dieser Richtung freilich kaum mehr thun kann als Anregung geben, 
entbindet Sie nicht von der Verpflichtung, auch jenen praktischen oder 
ethischen Gesichtspunkt im Auge zu behalten. Es würde z. B. ein trau- 
riger Beweis für die Erfolglosigkeit ihres naturgeschichtlichen Unter- 
*) Diese Entwickelungen, die gich in verschiedener Form auch in anderen Re- 
feraten finden, Sind jedenfalls nicht 80 zu verstehen, als ob es die Aufgabe der Schule 
Sein könne, ihren Zöglingen eine wisgengchaftlich begründete Auffasgung vom Welt- 
ganzen ins Leben mitzugeben, Sondern mit der, wie wir glauben, gelbstverständlichen 
Einschränkung, die auch in mehreren Referaten Ausdruck findet, daſs es gich für die 
Schule nur darum handeln könne, ihre Zöglinge nach Maſfsgabe der von ihnen ge- 
wonnenen elementaren Eingicht einen Solchen Zusammenhang abnen zu lasgen und 
eine gewisse Anregung zu geben, Sich auch im späteren Leben über die Stellung des 
Menschen zur Natur zu unterrichten. 
**) Kine Zusammenstellung beachtenswerter ethischer Folgen eines guten natur- 
gegchichtlichen Unterrichts giebt der Ref. v. Görlitz: „Die Gewöhnung stets auf der 
Hut zu gein, ob nicht subjektive Faktoren in die Beurteilung des eigentlichen That- 
bestandes sSich eingehleichen, schärft den Sinn für die Wahrheit; die Gewöhnung in 
der Natur das Wirkliche genau zu beobachten, bewahrt anch im übrigen Leben vor 
gewissen lugijonen und vor gewisser Schwärmerei. Die Kenntnis des urgächlichen 
Zusgammenhangs der Dinge und Erscheinungen befreit das Gemüt von den ungaubern 
Geistern des Aberglaubens. Der vertraute Umgang mit dem Wegen der Natur und 
die Kenntnis ihrer Eigentümlichkeiten weckt das Mitgefühl in Freud und Leid und 
die Schonung des Schönen und Schutzbedürftigen. Die Wahrnehmung, daſs überall 
das Einzelne nur im Zugammenhange mit dem Ganzen begsteht, und daſs alle einzelnen 
Glieder in der Natur durch ein gemeingames Band der Wechselwirkung und der har- 
monischen Gegetzmäſsigkeit zu einem Kosmos zusgammengegehlosgen werden, bestärkt 
in der Brust den Sinn für Ordnung und Gegetz und für die KBinführung des Einzelnen 
in die Zwecke des Ganzen."
	        

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