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6.
Reiſeerträgnis
eines muſikaliſchen Reviſors,
1. Der neben dem Liedergeſange hergehende Elementar-
kurſus würde in vielen Schulen an Bedeutung gewinnen, wenn
in den Lehrplänen genau vorgeſchrieben wäre, welche Übungen
durchzuarbeiten, welche Ziele anzuſtreben ſind und nach welchem
Lehrbuche die Unterweiſungen erteilt werden follen. Ebenſo müßten
die Lehrberichte über die Ergebniſſe der Elementarübungen jeder-
zeit genügende Auskunft geben. So lange der Übungskurſus
äußerlich als eine Nebenſache behandelt wird, iſt an einen erfolg-
reichen Betrieb desſelben im allgemeinen nicht zu denken.
2. Der harte Klang der Stimmen, die mangelhafte Ausſprache
des Textes und ein in3 Belieben der Kinder geſtelltes Atemſchöpfen
berechtigt zu der Annahme, daß in denjenigen Schulen, welche zu
ſolchen Wahrnehmungen Gelegenheit bieten, eines der wichtigſten
Unterrichtömittel mehr oder weniger außer acht gelaſſen, jedenfalls
nicht ſo ſorgfältig und ſtetig in Übung genommen wird, als es
geſchehen ſollte. Das iſt das Vormachen des Richtigen, das
muſiergültige Vorſingen. Wie übel iſt e8 doch damit hier und da
beſtellt! Jahraus, jahrein werden die Gefangſtunden mit dem
mechaniſchen Hinundher des Vorgeigens und Nachſingens ausge-
füllt; im günſtigeren Falle gelangt man bis zur Beſchreibung der
Singthätigfeit in ihren einzelnen Teilen; an die Veranſchaulichung
derſelben denken nur wenige. Wie geht das zu? Iſt e8 Bequem-
lichfeit, iſt es das Gefühl der Unſicherheit oder wohl gar eine
verkehrte Auffaſſung des Begriffes Lehrerwürde, was ſo viele vom
kunſjtgercchten Vorſingen abhält? Sei dem, wie es wolle;
bedauerlich iſt und bleibt c8, wenn ſich der Lehrer im Geſang-
unterrichte in vornehmes Schweigen hüllt, während er in allen
übrigen Unterrichtsftunden Veranſchaulichung, Belehrung und
Übung aufeinander folgen läßt.
Schulblatt. 1889. Heft 7 und 8. 26