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Ein Weniges von Briefen und Eingaben.
(Nach dem Daheim-Kalender für 1889 )
Die goldene Zeit der Briefſteller iſt vorüber, == es iſt -
nicht ſchade darum; denn erſt ſeit man dieſe faulſten aller faulen
Knechte zu Grabe trug, beginnt man auch in den breiteren
Schichten des Volks einen verſtändigen Brief zu ſchreiben. Meiner
unmaßgeblichen Meinung nach giebt e8 nämlich nur eine wirkliche
Regel für alle Briefe; ſie lautet in volkstümlicher, zwar etwas
derber, aber jedenfalls ſehr treffender Faſſung: „Schreibe, wie dir
der Schnabel gewachſen iſt,“ d. h. wie du ſprechen würdeſt. Jeder
Brief iſt ja ſtreng genommen nicht8 als ein Notbehelf, ein Erjatz
für die mündliche Rede.
Ich bitte mich aber nicht mißverſtehen zu wollen, =- ich
will durchaus nicht etwa einem flüchtigen, oberflächlichen, loddrigen
Briefſtil das Wort reden. Wenn man ſich ſ<hon in Geſprächen
zuſammennehmen und die Worte klar faſſen und maßvoll fügen
ſoll, ſo verlangt das geſchriebene Wort, das ſich noch ſchwerer als
das geſprochene wenden, zurücknehmen, fortleugnen oder deuteln
läßt, doppelte Vorſicht. Es iſt unklug und unſchiklich zu gleicher
Zeit, nicht jeden Gedanken, den man zu Papier bringt, ſtofflich
zu läutern und ſprachlich zu feilen. Dies Ausfeilen darf nur
nicht zur Künſtelei ausarten; der klare Sinn darf nicht verſchroben,
der einfache Zuſammenhang nicht verſchoben werden. Je durch-
ſichtiger ein Brief iſt, je ſchlichter im Tone, je natürlicher in der
ganzen Haltung und Darſtellung, deſto mehr ſpricht er an, dejto
mehr überzeugt er vor allem. Hinter vielem Wortſchwall verbergen
ſich in der Regel die größten Nichtigkeiten, =- und deshalb ijt der
Erfahrene gegen ſolchen von vornherein mißtrauiſch. Dies ijt
ganz beſonders hinſichtlich der an Behörden gerichteten Eingaben zu
beachten. Wer dort längere Zeit gearbeitet hat, kennt jeine Pappen-