Full text: Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung - 5.1939 (5)

66* NESSE Nic<htamtlicher Teil 
Bücher und Zeitſchriften 
Die deutſ<e Volksſchule. 
Von Herbert Freudenthal. 
Verlag Julius Belt, Langenſalza. 
164 Seiten. 
Dieſes Buch bedeutet den erſten Verſuch, die 
- Neubeſinnung, die der nationalſozialiſtiſche Um- 
bruch auf allen .Gebieten fordert, in der Be- 
trachtung der Geſchichte der Volksſchule zur Geltung 
zu bringen. Die Volksſchule iſt ihrem Weſen nach 
ein Teil des Volkslebens. Man wird der Volks- 
ſchule der vergangenen Zeiten daher nur gerecht, 
wenn man ſie aus ihrer eigenen Zeit heraus ver- 
ſteht. Freudenthal weiß das. 
Aufgabe darin, beides -- die Geſchichte der Volks- 
ſchule und die Geſchichte de8 Volkes -- von der 
Gegenwart aus zu ſehen. 
wie er ſagt, ein Verſuch, „das Schiſal unſeres 
Volkes in der Geſchichte ſeiner Schule zu begreifen“. 
Dieſe Sicht erhöht den Reiz des flüſſig geſchriebenen 
Büchlein3, das de38halb auch von intereſſierten Nicht- 
pädagogen gern gelejen werden dürſte, zumal der 
Verfaſſer, worauf er hinweiſt, „nur die Markſteine 
der Entwicklung ſichtbar werden“ läßt und auf 
Lückenloſigkeit und Quellenangaben verzichtet. 
Wie ſteht es nun mit der Neubeurteilung der 
geſchichtlichen Entwicklung unſerer Volksſchule ? Iſt 
das Geſamtbild ein weſentlich anderes geworden, 
als wir e8 gewohnt waren zu ſehen? Und hat es 
Freudenthal in Verfolg ſeinex Aufgabenſtellung 
richtig und ſcharf genug gezeichnet? E83 würde 
den Rahmen dieſer Budhanzeige überſchreiten, 
wenn ich den Verſuch machen wollte, dieſe Fragen 
auch nur annähernd erſchöpfend zu beantworten. 
Einige Andeutungen müſſen genügen. Die mar- 
kanten Einſchnitte in der Geſchichte der Volksſchule 
des 19. Jahrhunderts -- auf jie will ich mich hier 
beſchränken -- liegen feſt. Sie treten uns in dem 
Buche ſo wie in den früheren Darſtellungen ent- 
gegen. Doch ſind Licht und Schatten an mehreren 
Stellen in bemerkenswerter Weiſe anders verteilt. 
Der junge Harniſch tritt erfreulicherweiſe ſtärker 
hervor. Auch in der ſachlichen und gerechten Be- 
urteilung Stiehl3 folgt man dem Verfaſſer gern. 
Beim Süwernſchen Entwurf habe ich in der Dar- 
ſtellung die Namen Natorp und Scleiermacher 
vermißt. Ein Eingehen auf die lehßten Gründe für 
den verſchiedenen Standpunkt, den dieſe beiden 
Männer zur Volksſchule und zur Lehrerbildung 
einnahmen, hätte wohl in der Geſamtbeurteilung 
die Akzente noch etwas verſchoben. Auch hätte 
dann vielleicht dem Schuldkonto Peſtalozzis noch 
etwa3 abgeſchrieben werden können, etwa zu Laſten 
des damals vergangenen Jahrhunderts als der 
Macht des Geſtrigen. So dürfte im einzelnen 
no<h nicht überall das lebte Wort geſprochen ſein. 
Im ganzen wird ſich der Verfaſſer aber einer 
weitgehenden Zuſtimmung erfreuen dürfen. Vor 
allem wird er den Dank einer jungen Lehrer- 
generation finden, der er einen verläßlichen Führer 
in die Geſchichte der Volksſchule geſchenkt hat. Das 
Er erblickt ſeine 
So wird das Ganze, 
Büchlein dürfte bald ſeine zweite Auflage erleben. 
Wenn in ihr das Urteil über die Volksſchule der 
Vorkriegszeit auf Seite 98, das ich in ſeiner Schärfe 
als einziges oſſenbares Fehlurteil anſprechen möchte, 
in Wegfall käme, würde wohl mancher dem Ver- 
faſſer Dank wiſſen. | 
Berlin. Kohlbach. 
* 
Roms Kampf um den Menſchen. 
Von 44-Oberſturmführer Dr. Arnold Brüge- 
mann, Dozent an der Univerſität München. 
Verlag JI. F. Lehmann. 
Die deutſche GeiſteSbewegung zu Beginn des 
19. Jahrhunderts hatte der politiſche KatholizisSmus 
zerjeßen können; es war ihm gelungen, die Kräfte 
völkiſcher Wiederbeſinnung, die in der Romantik 
zu erwachen begannen, unter geſchitem Hinweis 
auf das Heilige Reih des Mittelalters in eine 
übervölfliſ<e römiſc<e Jdee abzulenken. Es iſt 
bezeichnend, wie dieje Abbiegung der Romantik 
im Zuſammenhang mit dem gewaltigen offiziellen 
Gebäude der Scholaſtik -- der Thomismus iſt 
jeit Leo XII1. die abſolute Norm für katholiſche 
Wiſſenſchaft und Lehre -- auch heute im kanoniſchen 
Staatsrechtsdenken lebendig wirkt: Schuſchnigg 
wollte das Reich auf „einer ins Tranſzendente 
weten den Ideenwelt der Romantik“ errichtet 
wiſſen. 
Der politiſche KatholiziSmus hatte die un- 
geheure Aufgabe der Erziehung der Maſſen im 
19. Jahrhundert rechtzeitig begriffen und mit einer 
bewundernswerten Breiten- und Tiefenwirkung, 
mit einem methodiſchen und taktiſchen Geſchi> 
ohnegleichen durc<geſührt. E38 gibt keine Organi- 
ſation im Deutſchland des 19. Jahrhunderts, die 
-- wenn überhaupt -- derartig intenſiv den Kampf 
um den deutſchen Menſchen aufnahm, die aus der 
Verſchiedenheit der beſtehenden Einrichtungen, Ver- 
ſaſſungen, Ländergeſeße uſw. jeden nur denkbaren 
Vorteil herausholte, die die Koalitionsfreiheit des 
Jahres 1848 ſo ausnußen verſtand. 
Brügmann hat die kaum überſehbare Fülle 
der Tatſachen und des Schrifttums gemeiſtert. 
Allein die Gliederung des Stoffes iſt eine Leiſtung. 
Weſentlich iſt die innere Stellung, die er zum 
Thema einnimmt. Er iſt ſich bewußt, daß ſeine 
kritiſche Unterjuc<hung Angriſſen von katholiſcher 
Seite ausgeſeßt ſein wird, und präziſiert daher 
von vornherein den einzig möglichen Standort 
eines deutſchen Hiſtorikers, der an die Realität 
de8 deutſ<en Volkes gebunden iſt: der Hiſtoriker 
hat die fördernden und hemmenden Komponenten 
in dem langen Prozeß der Volk8werdung heraus- 
zuſtellen. Steding ſagt einmal („Das Reich und 
die Krankheit der europäiſchen Kultur“), . „daß 
wahres Verſtändnis der geiſtigen Welt der Ver- 
gangenheit, in8beſondere der Geſchichte, ſteht und 
fällt mit den Erlebnismöglichkeiten der Gegenwart“. 

	        

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