Nr. 5 Ullgemeine Deutſche Lehrerzeitung. 51 „r- ſchreckte ; denn einmal war ihm verborgen, warum das freund- liche, helle Tagesgeſtirn am Himmel verſchwinden und dunkler Schatten die Welt ringsumher einhüllen konnte, zum andern aber brachte ihm die Nacht tauſenderlei Gefahren. Zagend und ängſtlich harrend verbrachte er oft wachend dieſe furchtbare Zeit, während im Urwalde die unheimlichen Stimmen der Tiere - ertönten, giftige Schlangen im Gebüſch raſchelten, der Wind auf der „„Waldorgel“ ſeime wild-unheimlichen Melodien er- ſchallen ließ, und die Dämonen in mannigfacher Geſtalt um- herwandelten, dem Menſchen Unheil zu bringen. Das Licht war des Urmenſchen heißer Wunſch, ſeine Sehnſucht, ſein Glüc; es wurde ſein -- Gott. Der religiöſe Dualismus wurde aus der Wirklichkeit geboren. Wie feſt ſich dieſe erſten religiöſen Yor- - ſtellungen der Seele einprägten, beweiſt das dualiſtiſche Beiwerk unſerer <hriſtlichen Religionslehre, inſonderheit das Rapitel über die Lehre von den Engeln. Der „ſchwarze“ Teufel, der ſelbſt heute noch von manchem Hyperorthodoxen als perſönliches Weſen geglaubt und gefürchtet wird, iſt doch in Wahrheit nichts anderes als eine Perſonifikation der Finſternis, die jedes Menſchen Feind iſt. Der Engel dagegen verkörpert mit ſeiner lichten Geſtalt und ſeinem weißen Rleide das dem Menſchen freundliche und ſegen- bringende Licht. „Die Stimme des Raben verſtärkt den EindruF des Dä- moniſchen, den ſeine Geſtalt hinterließ. Sein krächzender Schrei iſt laut und ſcharf und erfüllt die Seele mit einem eigentümlichen Unluſtgefühl, einem Gefühl des Bangens und Unbehagens. Das lebhafte und. kluge Auge des Yogels müßte zwar dem ungün- ſtigen Eindruck, den ſeine äußere Erſcheinung und ſeine Stimme hinterlaſſen, unbedingt Eintrag tun; aber der Rabe iſt im all- gemeinen ein ſcheuer Vogel, der die Nähe der Menſchen meidet, ausgenommen im Winter, wenn ihn die Not zwingt, ſich ihren Wohnungen zu nähern. Doch darf man nicht vergeſſen, daß in jenen Zeiten dem Nahrungsſpielraum der Tiere nicht ſo enge Grenzen wie heutzutage bei uns geſteckt waren, und ſo wird der Rabe auch im Winter kaum die Gehöfte aufgeſucht haben.“ Ohne ZSweifel iſt der Rabe ein ſehr kluges Tier. „Die Klugheit des Yogels iſt in der Tat außerordentlich; um ſie ſo- fort zu erkennen, braucht man nur in ſein ſchwarzes, ſtahlglän- zendes Auge zu ſehen, in dieſes Uuge, dem nichts entgeht, dem nichts gleichgültig iſt, das alles verſteht. Freilich entwickelt ſich dieſe Seite in dem Charakter des Raben erſt vor dem länger betrachtenden Blicke und beſonders in der Schule der Zähmung.“ Er erlernt leicht allerlei Kunſtſtücke, verſteht ſogar, die menſchliche Rede nachzuplappern; ſeine Nachahmungskunjt iſt ſtaunenswert. In padkender Weiſe ſchildert Maſius die Charakterzüge des Raben, ſeine Verſtellung und Binterliſt, ſeine Schadenfreude, Spottſucht und Neugier, ſeine Raufluſt und Habſucht. Er hat ſeine Sympathien und Antipathien, er täuſcht und betrügt nach Herzensluſt, verübt allerlei Mutwillen durch ſeine Redekünſte ; aber troßdem iſt ihm keiner gram. So iſt er ein wahres Genie und verdient mancher ſeiner Eigenſchaften wegen nicht mit Un- recht den Namen eines „Utephiſtopheles unter den Yögeln“. Inſonderheit kennzeichnet den Raben ſeine Gier nach aller- lei totem Getier, nach Aas und Leichen. In ſeiner Rolle als CLeichenverzehrer mußte er durchaus abſchre>end wirken, ſo nüß- lich er ſich auch immerhin der Menſchheit durch dieſe Lebens- gewahnheit erweiſen mochte. Jeder verweſende Leichnam erfüllt uns mit dem Gefühl des Ekels, wir haben die Empfindung des Unreinen und Bäßlichen. Bei den alten Juden beſtimmte ein Geſetz, daß der, der mit einem Leichnam in Berührung kam, ſich verunreinigt habe. Und dieſe nicht allein jüdiſche, ſondern allgemein menſchliche Unſchauung bewahrten die Germanen treu bis in die neuere Zeit hinein. Erſt der Geiſt der großen fran- zöſiſchen Revolution mußte ihre Waſenmeiſter, Schinder und Henker „ehrlich“ machen. 50 war der Rabe gleichſam ein „un- ehrlicher“ Yogel, ausgeſtoßen aus der Geſellſchaft der übrigen Dögel, deren bürgerliche Ehrbarkeit außer allem Zweifel ſtand. Dod tat dies dem TJntereſſe, das man ihm zuwandte, durchaus peinen Eintrag, im Gegenteil, es wurde nur dadurch erhöht. Man traute ihm beſondere Fähigkeiten zu, die jenſeit der Macht und des Rönnens des Trdijchen lagen. In -ganz -gleicher Weiſe hat man auch bis auf die Neuzeit den von der bürgerlichen Ge- ſellſchaft für „unehrlich“ erklärten Leuten allerlei geheime Rräfte zugetraut, Kräfte, durch die ſie ſelbſt Weſen aus dem Geiſter- reiche ihrem Willen dienſtbar machen konnten. Es erwuchs da- durch den Unehrlichen die Möglichkeit, ſich auf Umwegen eine Stellung in der menſchlichen Geſellſchaft zu erobern, die, wenn auch äußerlich von keinem begehrt, doch nicht felten eine ganz bedeutende Summe von Einfluß und Macht in ſich ſchloß.. Als durchaus typiſch für den Raben gelten dann noh zwe] ſeiner Lebensgewohnheiten, die durch Sage und Dichtung ſowie durch häufig gebrauchte Redenzsarten allgemeim bekannt ge- worden ſind. Zunächſt ſagt man ihm nach, daß er ſeine eigenen Jungen zum Neſt hinausſtoße, beſchuldigt ihn alſo der häßlichſten aller Eigenſchaften, der Liebloſigkeit und gar der Liebloſigkeit gegen ſein eigen FSleiſch und Blut. Die vielen Redensarten, die dieſer Untat des Vogels gedenken, zeugen davon, wie ſehr ſich die Meinung der Menſchen gerade mit dieſer Angelegenheit be- ſchäftigt, wie heftig ſich ihr Empfinden darüber entrüſtet hat. Ob ſich aber die ſchwere Anklage gegen den Raben auf wirk= liche Beobachtungs- und Erfahrungstatſachen ſtüßzt oder ob hier Verleumdung waltet, wollen wir ſpäter unterſuchen. Nich: minder bekannt iſt die Vorliebe des Raben für glän- zende Dinge. Der helle Glanz der Gegenſtände lo>t ihn an, und wenn ſie ihm erreichbar ſind und ihr Gewicht ſeinen Kräften nicht zuviel zumutet, ſo trägt er ſie in ſein Neſt. Durch dieſe ſeltſame Gewohnheit kam er in den Ruf, ein Yerächter des Rechts vom Eigentum zu ſein, und ſein diebiſches Gelüſt war die Urſache, daß er der Folgen wegen, die ſein Diebſtahl möglicherweiſe hatte, gar als hinterliſtiger Mörder verſchrien wurde. Zum Schluß endlich wollen wir nicht unerwähnt laſſen, daß noch eine weitere, wenn auch ſehr harmloſe Lebensgewohnheit des Yogels ſehr dazu beigetragen hat, ihn in eine Sonderſtellung unter den DYögeln hineinwachſen zu laſſen. Der Rabe iſt ein ge- ſelliges Tier. Im Herbſt und Winter verſammeln ſich oft Hun- derte oder gar Tauſende auf den Wieſen und Feldern, fliegen wild durcheinander und erfüllen die Luft mit ihrem Gekrächz. Es iſt ein höchſt ſeltſamer und ſpannender Anbli, wenn ſich die ſchwarzen Rörper in ſtetigem Durcheinander auf einer blendend weißen Schneefläche bewegen. Das Auge kommt nicht leicht von dem Schauſpiel los. In Niederſachſen ſagen die Leute von den verſammelten Yögeln: „De berod't ſick!“ (Die beraten ſich.) In ſolchen Ausſprüchen des Volkes liegt echte Poeſie, ein Reſt jener alten, naiven Naturauffaſſung, von der wir zu Anfang ſprachen. Man faßte die Tiere als vernünftige Wejen auf. Allerdings liegt es ſehr nahe, bei der Verſammlung der Raben an eine Yerſammlung ſtaatspolitiſcher Urt zu denken, und der Ausdruk „berod't ſick“ bezieht ſich durchaus auf Verhältniſſe des altgermaniſchen Yölkerſchaftsſtaates mit feinem Land- und Gerichtsting. Die poetiſche Unſicht, daß auch die Tiere in einem Staatsweſen vereinigt ſeien, hat ſehr natürliche Unterlagen, Und auch wir, Rinder einer ganz andern Zeit, können uns des Eindruckes nicht erwehren, daß bei der Verſammlung der Raben alles nach Wahl and Abſicht geſchehe. Da ſitzt womöglich ein alter, großer Rabe auf einem Pfahl oder Baumſtumpf inmitten der Rabenſchar, der Redner, zweifellos. Laut genug ertönt ſeine Rede. Beifall: brauſender Lärm; aber auch Widerſpruch. Einzelne Eigenbrötler verlaſſen unter zornigen und lauten Pro- teſtrufen die Verſammlung und ziehen heim. Dort hat ſich eine Gruppe gebildet; es ſind die Radikalſten unter den Radikalen. Dieſe Ultras toben geradezu. Dem Redner paßt es nicht mehr, er ſpricht den Schlußſatz und ſtreicht mit raſchem Flügelſchlag zu ſeinen Genoſſen hin, die eine weitere Gruppe bilden. Leb- hafter Empfang: ja, der hat es gut gemacht. Ein anderer Redner tritt auf. Und wieder jfehen wir das bewegte Bild einer Verſammlung, in der um wichtige Punkte der Tagesord- nung heiß geſtritten wird. Wie komiſch iſt doch das Gebaren der Vögel, wie klug und Überlegt erſcheint ihr ganzes Beginnen! Und dann das Ende: Der Beſchluß iſt gefaßt, ein kurzes, ernſtes Nachſinnen und -prüfen. Ja, es muß dabei bleiben! Nüt rauſchendem Flügelſchlag erhebt ſich die ſtattliche Schar in die-