210- Ullgemeine Deutſche Lehrerzeitung. Br. 18 Mit dem ſoeben Geſagten hängen eng zuſammen: Sprachgeſchichtliche Belehrungen, durch die der Unterricht in der deutſchen Grammatik intereſ- ſant geſtaltet werden kann. Allerdings iſt hierbei erforderlich, daß der Lehrer ſelbſt mit den nötigen Kenntniſſen ausgeſtattet iſt. Ich kann nicht unterlaſſen, bei dieſer Gelegenheit dankbar meines ehemaligen Lehrers zu gedenken, der bei der ſo knapp zugemeſſenen Zeit auf dem Seminar Gelegenheit zu finden wußte, uns in die geſchichtliche Entwiklung unſerer Mutter- ſprache hier und da einen BliX werfen zu laſſen. Überhaupt aber muß es „dahin kommen, daß kein Lehrer mit deutſchem Unterricht betraut wird, der nicht das Neuhochdeutſch mit ge- ſchichtlichem Blicke anſehen kann“. (Bildebrand.) Mit Bilfe ſprachgeſchichtliher Belehrungen iſt es dem Lehrer möglich, auf die ſinnliche Grundbedeutung eines Wortes zurückzugehen und zu zeigen, wie der Begriff allmählich ab- geblaßt iſt und abſtrakt geworden iſt. Manchmal läßt ſich die Erweiterung und Verengerung des Jnhalts nachweiſen, und ſo erſcheint dem Rinde das unſcheinbare Wort wie ein rüſtiger Wanderer, der von weither kommt und viel erlebt hat. Ulte und veraltete Formen im Rirchenlied und bei den Dichtern überhaupt können hier ſchon in der VYVolksſchule als Anknüp- fungspunkte dienen. ergiebiges Feld. Die Augen meiner Sextaner glänzen jedes Jahr, wenn ich ihnen erkläre, daß man den Unterſchied zwiſchen zwei ſo all- täglichen Dingen wie Eimer und Zuber auc im Wort er- kennen kann. In dem Worte fruchtbar haben ſie gelernt, daß bar die Bedeutung von tragen hat, und nun ſind ihnen die Formen Eim--bar und Zui--bar ſofort verſtändlich. Sie erkennen die Vorfahren der heutigen Wörter Eimer und Zuber; und wirklich wird das eine Gefäß an einem, das andere an zwei Henkel getragen. Welche Freude haben die Rinder, wenn ich nun mit raſchen Zügen einen Eimer und einen Zuber an der Tafel entwerfe und ſie die „Bilder“ nach- malen dürfen! Bei Behandlung der Zahlwörter ſehen die Rinder, daß zwar das Wort „eins“ drei beſondere Formen für die verſchie- denen Geſchlechter hat, die anderen aber dieſes Vorzugs ent- behren. Nun intereſſiert es ſie lebhaft, vom Lehrer zu er- fahren, daß man früher ſagte: zween, zwo, zwei; und mandh- mal weiß auch eim Schüler zu berichten, daß ſein Großvater noch ſagte: zwo Rühe. Daß die Nachſilbe lich früher ein beſonderes Wort war und gleich bedeutete, erkennen die Schüler bei der Bildung von herrlich, freundlich, bildlich; beſondere Freude aber macht ihnen die Erkenntnis, daß dieſes Wörtchen auch in ſolch ſtet: ſ9-lich, jo--glich. Wenn ihnen etwa auffallend vor- kommt, daß das i tonlos wird und endlich verſchwindet, ſo braucht man ſie nur an den Yers im Yolksliede zu erinnern: ſo maniger Soldat, wofür wir heute ſagen müßten: ſo mancher Soldat. Oder man frage die Rinder, wie im Volks- mund die Worte: barfuß, Vorteil, Arbeit, Armvoll, wohlfeil, Doktor, Konditor ausgeſprochen werden. (barbes, Vortel, Arbet, Urvel, wolfel, Dokter, Ronditer). Gerade dieſe Anknüpfung an das Mundartliche wirkt hier wieder äußerſt anregend; und wenn man die Kinder daran erinnert, daß es ja auch „Gernſem“ und „Sto>ſt“ ſtatt Gerns- heim und Stokſtadt heißt, ſo darf man ſicher ſein, in einem Nu Dutzende von Ortsnamen auf ...heim und ...ſtadt zu hören, die dem gleichen Geſetz unterliegen. Die ganze Rlaſſe iſt im Zuge, und auch die Schwächſten arbeiten mit. Auch die Bildung des hinweiſenden Fürworts derſelbe, gegen deſſen mißbräuchlihe Unwendung man jeht ſo ſehr eifert, kann den Rindern Anregung bieten. Denn ſelb iſt ein altes Eigenſchaftswort und heißt gleich. Die" Schüler erkennen das ſofort, wenn man ihnen ſagt: am ſelben Tage, zur ſelben Stunde. Die Deklination von derſelbe macht jetzt keine Schwierigkeit mehr, und die Schüler wiſſen den inneren Grund, weshalb man dieſes Wort nicht ohne weiteres für er ſetzen darf. Beſonders die Wortbildungslehre iſt ein - Die Abwandlung des Hilfszeitworts ſein gibt erwünſchte Gelegenheit, das alte Wort weſen kennen zu lernen. Es iſt in der Nennform nicht mehr vorhanden, kommt aber als Mittelwort (geweſen, anweſend, abweſend), als Dingwort (das Weſen) und als zuſammengeſettes Zeitwort (verweſen) noch vor. Es macht den Rindern Freude, zu erfahren, daß die Mit- vergangenheit war aus was entſtanden iſt, wie wir heute noch in Goethes Gedicht „Das Hufeiſen“ ſehen. Der Wechſel zwiſchen r und 5 wird ſie nicht befremden, wenn man ſie an verlieren -- Verluſt, frieren =““ Froſt erinnert. Auf dieſe Weiſe gewinnen die toten Formen Leben und treten den Kin- dern näher. Wir wollen mit den Schülern nicht Sprachwiſſenſchaft treiben, ſondern die Sprache in ihrem Werden und Leben beobachten. Die Volksjprache hat für unſere YHaustiere faſt durch- gängig beſondere Namen; 3. B.: Gaul für Pferd, Hinkel für Huhn, Geiß für Siege, Glue für Henne, San für Schwein, Gidel für Hahn. Die beiden wichtigſten Haustiere haben beſondere Namen je nach Alter, Geſchlecht, Farbe u. dal. Ulan ſagt: Ralb, Rind, Färſe, Kuh, Ochs, Stier, Bulle, Faſſel; Nähen Fohlen, Stute, Henaſt, Rappen, Schimmel, Fuchs, Roß, ähre. Don den Sennhirten wird uns erzählt, daß ſie mehr als zwölf Abſtufungen in der braunen Farbe ihrer Rühe unter- ſcheiden. Solche Beobachtungen braucht der Lehrer nur an- zuregen, um raſch weitere Beiſpiele zu erhalten. Sie laſſen ahnen, wie ſich die Sprache in der Urzeit entwickelt hat. Die Schüler erkennen, daß unſere Vorfahren die Weſen, die für ſie am wichtigſten waren, beſonders und genauer bezeichneten als andere, die weniger Bedeutung für ſie hatten. Dieſer Vorgang wiederholt ſich im weſentlichen noch heute, wenn wir neue Wörter bilden. Wir erfinden einen beſonderen AusdrusX, wenn er nötig wird, und helfen uns ſonſt mit Um- ſchreibungen. Die Schüler wiſſen ſicher für dieſe Fälle Bei- ſpiele aus dem modernen Leben anzuführen. Sie lernen da- durh die Sprache als etwas Werdendes und Lebendiges erkennen. Wenn die deutſche Sprachlehre den Schülern anziehend gemacht werden ſoll, ſo muß ſie auch ſtets in Verknüpfung mit den übrigen Unterrichtsfächern gebracht werden. Über die geeignete Verbindung mit dem Sachunterricht haben die Methodiker ſchon viel geſtritten. Während die einen die grammatiſchen Belehrungen an die Stücke des Leſebuchs anknüpfen, fordern andere dafür beſondere Muſterſäte, und in einem der weitverbreitetſten Leitfäden für den Sprachunter- richt (Engelin) iſt ein kleines Leſebuch zuſammengeſtellt, an deſſen Stüke die Sprachlehre angeſchloſſen werden ſoll. Der Verfaſſer fordert ſogar, „daß ſämtliche Muſterſtüke nicht bloß in grammatiſcher Beziehung zu behandeln, ſondern auch ſach- lich und logiſch zu erörtern, mit anderen verwandten Jnhalts zuſammenzuſtellen ſind u. dal.“ Es iſt keine Frage, daß es der Yolksſchule an der nötigen Zeit gebricht, dieſer Forderung nachzukommen; anderſeits aber liegt darin der berechtigte Gedanke, daß dem Rinde vor allem der Stoff inhaltlich bekannt und klar ſein muß, ehe der Lehrer an die Betrachtung der Form im einzelnen gehen kann. - Muſterſätße --- und Säße bilden in gewiſſem Sinne ja auch Sprachganze --- haben unzweifelhaft den Vorteil, daß ſie die zu entwickelnde Sprachform in voller Rlarheit vor die Augen der Schüler ſtellen; dagegen ſind ſie oft aus allen möglichen Wiſſensgebieten zuſammengeſucht und nötigen ſo den Geiſt, wie in einer Hetzjagd von einem Gedanken zum andern zu eilen. Will man gar erſt die Beiſpielſätze aus den Schülern entwieln, ſo ſteht man oft vor einer mutlos verſtummenden Kinderſchar. | Leſeſtüke zu Zweken der Grammatik zu verwenden, hat gewiſſe Bedenken. Jedenfalls ſollten Gedichte von dieſer Be- handlung ganz ausgeſchloſſen ſein. Aber auch bei Proſaſtüken