2822 - den Yoluntarismus mit guten Gründen ablehnende Rritik unter dem Titel „Über voluntariſiſche und intellektualiſtiſche Pſy<ho- logie“ , und im 58. ſchrieb er über den „Doluntarismus und Intellektualismus bei Lay und Ribot“. Auch auf dem Gebiete der Yölkerpſyhologie iſt Flügel der Vertreter. der Herbartiſchen Schule,. auf den. dieſe ſtolz iſt. Hier ſei an eines ſeiner intereſſanteſten Werke erinnert, an „Das Ih und die ſittlichen Jdeen im Leben der Völker“ (Langen- ſalza, Beyer u. Söhne). Das Buch, das eine Fülle des feſ- ſelndſten Einzelmaterials enthält, ſoll zeigen, „wie die ſittlichen Ideen, die Selbſtbeſtimmung, d. h. die Fähigkeit, ſich in ſeinem Wollen nah Erwägungen, nach ſittlichen Motiven zu richten, von den Menſchen im Laufe der Zeit durch Einwirkung ſehr mannigfaltiger Einflüſſe erworben wurden.“ (Hemprich, Otto Flügels Leben und Schriften [Langenſalza, Beyer u. Söhne|, Seite 50.) Und in dem gedruckten Yortrage „Über das Ver- hältnis des Gefühls zum Intellekt in der Kindheit des Jndi- vidunums und der Völker“ (Langenſalza, Beyer u. Söhne. Bei- träge zur Rinderforſchung und Heilpädagogik, Heft 10) gibt er einen dankenswerten Beitrag zur Löſung des Problems „Einzel: und Geſamtentwiklung“. Endlich hat der unermüdliche Denker auch der Tierpſycho- logie fein Augenmerk zugewandt. Auf Grund eingehender Studien und ſorgfältiger Beobachtungen ſchrieb er das „Seelen- leben der Tiere“ (Langenſalza, Beyer u. Söhne. 3. Auflage), dem man außer der Reichhaltigkeit des Materials als be- ſonderen Dorzug nachrühmt, daß es ſich freihält von vor- eiligen und darum verfehlten Schlüſſen, die gerade auf dieſem Gebiete nicht jelten ſind. (Hemprich, a. a. O)., S. 536.) Als üÜberzeugter Anhänger der Philojophie Herbarts iſt Flügel ein Verteidiger der abſoluten Ethik. Unerbittlich be- kämpft er daher die evulutioniſtiſchen und utilitariſtiſchen Nei- gungen unſerer Zeit, die im letzten Grunde nur zu reiner Erfolgsmoral führen. Es iſt Flügel nur zu danken, wenn er in dieſem Punkte in eiſerner Konſequenz verharrt und keine Ronzeſſion macht den Modeſtrömungen zu liebe. In ſeinem Werke „Jdealismus und Materialismns der Geſchichte“ (Langenſalza, Beyer u. Söhne) greift er in den Kampf der Meinungen ein und vermag in- folge ſeiner erſtaunlichen Gelehrſamkeit und ſeiner ſcharfen, über- zeugenden Argumentation das Unzulängliche und Bedenkliche der materialiſtiſchen Uuffaſſung gegenüber einer idealiſtiſchen darzutun. In feinſinnigen Darlegungen hat dann Flügel gezeigt, wie Berbarts abſolute Ethik --- weil „eben nur auf dem unmittel- bar ſich geltend machenden Urteile eines geläuterten, unpartei- iſchen Gewiſſens“ (Hemprich, a. a. O., S. 50) ſich aufbauend -- in ſchönſten Einklang zu bringen iſt mit dem ethiſchen Beſtandteil der Lehre Jeſu. (Val. Flügel, „Die Sittenlehre Jeſu“. Langenſalza, Beyer u. Söhne.) Und für den Neuling auf dem Gebiete Herbartiſcher Denkweiſe betreffs der Ethik, iſt wie keine andere Otto Flügels Ubhandlung „Schön und gut nach Herbart“ zu ſchneller Orientierung über die Haupt- punkte geeignet. (S. „Volks- und Jugendſchriftenrundſchau“. Jahrg. 1905/1906, Ur. 8, 9 u. 10. Stuttgart, Th. Benzinger.) Sein umfaſſendes Wiſſen, namentlich ſeine ausgezeichnete Kenntnis der modernen Naturwiſſenſchaften kommen Otto | Flügel zu ſtatten, wenn es gilt, im Kampfe um SBerbarts Metaphyſik das Wort zu ergreifen. Wie wenig man berech- tigt iſt, dieſen Teil der Herbartiſchen Philoſophie zu ignorieren, weiſt Slügel nach einmal dadurch, daß „Herbarts Ergebniſſe und Methoden ſehr genau zuſammentreffen mit den Ergeb- niſſen unſerer theoretiſchen Maturerklärung“, und daß ſie ferner „in genauer Rontinuität mit der Geſchichte der Meta- phyſik“ ſtehen. (Pal. Flügel, „JT. FS. Herbart“, S. 37.) In ſeinem vortrefflichen Buche „Die Bedeutung der Metaphyſik Herbarts für die Gegenwart“ (Langenſalza, Beyer u. Söhne) weiſt er, geſtüßt auf überreiches Tatſachenmaterial, überzeugend nach, daß der Herbartiſche Realismus durchaus nicht veraltet, ſondern in höchſtem Maße geeignet iſt, „zur Erklärung der empiriſch feſtgeſtellten Tatſachen verwendet zu werden.“. (Hem- prich, a. a, Q)., 5. 42.) Ullgemeine Deutſche Lehrerzeitung. Nr. 24 - Daß Flügel bei ſeinem ſcharf präziſierten philoſophiſchen Standpunkt .in Gegenſaß kommen mußte mit manchen philo- ſophiſchen Modeſtrömungen, iſt unausbleiblih. Das gilt namentlich hinſichtlich des Materialismus und des Monismus. Böchſt dankenswert muß man es empfinden, daß er dieſen Richtungen mit aller nur wünſchenswerten Deutlichkeit ent- gegentritt. Beſonders die Oberflächlichkeiten des Monismus det Flügel rücſichtslos auf und zeigt, wie verfänglich der- artige Strömungen dadurch werden, daß ſie z. B. „metaphy- ſiſche Vorgänge und Begriffe mit religiöſen Namen ſchmücken und ſie dann für religiöſe Begriffe ausgeben“. (Hemprich, a. a. O),, S. 23.) So hat er mit ſeinem Buche „Monismus und Theologie“ (Cöthen, Otto Schulze) eine außerordentlich verdienſtvolle Arbeit geleiſtet. Damit ſind wir bei Otto Flügels eigentlichſtem Urbeitsge- biet, der Theologie, angelangt. Was er auf dieſem in der Praxis als Prediger und Seelſorger geleiſtet hat, iſt in den Gemeinden, in denen er gewirkt, unvergeſſen. (Vgl. Hemprichs Schrift.) Jetzt wollen wir nur noch einen kurzen Blik auf ſeine Tätigkeit als wiſſenſchaftlicher Theologe werfen.: Da ſei gleich eines bemerkt: Es gibt gegenwärtig unter den deutſchen Theologen wohl kaum einen zweiten, der wie Otto Flügel neben der Theologie eine ſo gründliche und umfaſſende Ge- lehrſamkeit in philoſophiſchen und naturwiſſenſchaftlichen Dingen entwickelte. Uls Redner und Schriftſteller iſt er auch auf dieſem Gebiete unermüdlich tätig geweſen und hat ſtets bereitwillig ſein reiches Wiſſen in den Dienſt der UAllgemein- heit geſtellt. Beſonders angelegen läßt er ſich die Apologie des Chriſten- tums gegenüber den Unſtürmen einſeitiger naturwiſſenſchaft- licher Strömungen ſein. Und manche ſchöne Schrift entſtand, wenn es den Nachweis zu führen galt, wie wenig die Grund- ideen des Chriſtentums durch die Ergebniſſe der modernen Naturwiſſenſchaft erſchüttert werden können. („Der ewige Gehalt des Chriſtentums und der moderne Menſch.“ Selbſt- verlag des Pfarrvereins für die Provinz Sachſen. =- „Sur Philoſophie des Chriſtentums.“ Langenſalza, Beyer u. Söhne. -- „Das Wunder und die Erkennbarkeit Gottes.“ Ebenda.) Streng auseinander hält er dabei Philoſophie und Religion und weiſt jede tendenziöſe Vermiſchung der beiden zurück. Dies tat er beſonders Paulſen gegenüber, als dieſer ſich bemühte, Kant zum „Philoſophen des Proteſtantismus“ zu ſtempeln, Derartige Yerſuche erklärt Flügel mit vollem Recht für irre- führend und darum für unwiſſenſchaftlich. (Vgl. Flügel, „Kant und der Proteſtantismus“. Langenſalza, Beyer u. Söhne.) Dabei vergißt Slügel nie, daß der rechte Apologetiker nicht nur das Fehlerhafte der zu bekämpfenden Theorien aufzu- weiſen, ſondern auch feſtzuſtellen hat, was an ihnen Berech- tigtes iſt. (Ygl. ſein Buch „Die Seelenfrage mit Rückſicht auf die neueren Wandlungen gewiſſer naturwiſſenſchaftlicher Begriffe“ [Cöthen, Otto Schulze], das mit der Frage beginnt: „Worin hat der naturwiſſenſchaftliche Materialismus Recht?“) So iſt Otto Flügels Leben bis zum heutigen Tage ein mit Urbeit reich geſegnetes geweſen. Und es war eine Arbeit, die nicht geſchah um äußerer Ehren willen. Kein Orden ziert ſeine Bruſt, keine akademiſche Würde wurde ihm verliehen, der auf dem akademiſchen Lehrſtuhl eim glänzender Lehrer der heranwachſenden Jugend geworden wäre. Dafür gedenkt um ſo dankbarer ſeiner am 16. Juni der große Rreis derjenigen, denen er durch Wort und Schrift ein Führer wurde zu der großartigen Jdeenwelt Herbarts. Alle, die das Glü>k hatten, ihm perſönlich näher treten zu können - zu ihnen gehört auch der Schreiber dieſer Zeilen ---, ſchäen in Otto Flügel den liebenswürdigen Ge- lehrten von gewinnender Freundlichkeit. Und alle dieſe freuen ſich ſeiner faſt noch jugendlichen Geiſtesfriſche und Rüſtiokeit. In der wiſſenſchaftlichen Diskuſſion verſteht er es, in edler, oft von feinem Humor gewürzter Sprache die ſchwierigſten Probleme klarzulegen, verſtändlic) und anſchaulich zu machen. Dieſe ſeltene Gabe kommt auch zu ſchönſter Entfaltung in ſeinem Buche „Die Probleme der Philoſophie und ihre L5s-