das Ganze überwachen. Einer der Stadträte hat das Unter- richt3Swejen unter ſich. Um dem ungeheuren Andrange von Lernbegierigen zu begegnen, ſind auch. von Kirchen, Fabriken beſondere EClementarſchulen gegründet worden, in denen auch Tüchtiges geleiſtet wird. In zwei Klaſſen kann aber natürlich nur da3 Notdürf= tigjte gelehrt werden. Daher entſtanden einem dringenden Bedürfnijſe der Bevölkerung entſprechend die vierklaſſigen Stadtſ<hulen für die Schüler und Schülerinnen der Elemen- tarjchulen, die dieſe erſte Stufe mit Auszeichnung durch» gemacht haben. Hier handelt e8 fich nicht nur um Religion, den Unterricht in Mutterſprache und Rechnen, obgleich ſie naturgemäß noch den Hauptteil, den breiteſten Raum ein- nehmen. In diejen Schulen wurde ſogar der Unterricht im Deutſchen und in zweiter Linie im Franzöſiſchen eingeführt. C35 könnte wundernehmen, daß gerade das Deutſche bevor- zugt wurde, bei dem jo ſcharf und oft betonten Deutſchenhaß ; aber bis jezt wurde der Handel doch in erſter Reihe mit Deutſchland betrieben, und die heranwachſende Jugend der Hauptſtadt hat in jedem geſchäftlichen Unternehmen die Bevorzugung der jungen Leute und jungen Mädchen kennen gelernt, die, wenn aud) nur ein wenig, deutſch verſtehen. Die Stadtverwaltung gedachte jedoch bei dieſem zweiten Grade der WVolksſ<hulen nicht ſtehen zu bleiben, ſie beab=- jichtigte noch einen Oberbau der Handelsſchule, eine Art Handelsj<hule oder Realgymnaſium, zu dem die fähigſten Schüler allmählich auſſteigen ſollten. Ob das nun nach dem Kriege möglich ſein wird, iſt die Frage. An Lehrmitteln, Büchern für die Bedürftigen wird nicht geſpart. Den Kin=- dern, die weit entfernt wohnen, gewährt die Stadtverwal- tung unentgeltliche Trambahnfahrt. Auch wird den AÄrm- ſten warmes Eſſen zum Frühſtück gegeben und auf jede Weiſe für ihr leibliches und geiſtiges Wohl geſorgt. Hierbei zeigt ſich ganz beſonders der Vorzug der weiblichen Lehrkräfte, die dem Kinde in jeder Beziehung ſo viel näher ſtehen. Wie alle dieje Vergünſtigungen von ihnen angeregt jind, werden ſie auch von den Lehrerinnen ausgeteilt und juſten in ihren Händen erſt den rechten Segen. Ihnen fällt es leichter, die notwendige Verbindung zwiſchen Elternhaus und Schule herzuſtellen, da die Mütter ſich ihnen ungezwun=- gener nähern als einem Manne, was namentlich in Ruß land eine große Bedeutung hat. Vor allem entſtammen die Lehrerinnen im Durchſchnitt gebildeteren Schichten als die Volks8ſchullehrer. Das eben Geſagte widerſpricht vielfach dem Bilde, das man ſich wohl vom WVolksſ<hulweſen in Rußland entwirft. u der Hauptſtadt mag es nicht ſo ſchlimm ſtehen, aber das unermeßliche Reich liegt noch ganz im Dunkeln, wird man mir einwenden. Darum muß noc< von dem Fortſchritte der Volksſ<ule auf dem platten Lande geſprochen werden. UT. Die Landſchule. Jeder ruſſiſche Kaiſer hatte ſein beſondere38 Gebiet, für das er alle Kräfte einſezte. So lag Alexander Il. der Ausbau der Flotte am meiſten am Herzen. Nikolai I1. er- ſtrebt vor allem die Hebung der Volks8bildung. Auch Reich38- rat und Reichsduma ſind einig in der Erkenntni3, daß ohne einen gründlichen Aufbau der Volksſchule die hohen Ziele einer Umgeſtaltung des ganzen ruſſiſchen Leben3 nicht erreicht werden können. In der Reichsduma tritt der merk- würdige Fall alljährlich ein, daß zum Bau und zur Einrich- tung neuer Volksſchulen viele Millionen mehr bewilligt werden, als der Miniſter der Volks3aufklärung annehmen will. Cs gibt freilich eine ſtarke Gegenſtrömung, die grund- jäßlich von Volksbildung nichts wiſſen will. Dieſe Leute vom jogenannten „ſc<warzen Hundert“ machen geltend, daß jeder begabte Junge, der Elementarbildung genvſſen habe, da- dur< der Landwirtſchaft verloren gehe, Daran iſt bis zu 0 emed amen einem gewiſſen Grade etwas Wahre38, denn ein verartig ausgebildeter junger Mann kann als Dorfſchreiber, al8 Han- del3mann, al8 Verkäufer in einer Monopolbude ein gutes Auskommen finden und kehrt meiſt ſeinem heimatlichen Aer den Rücken, wodurch das dörfliche Leben ſeiner beſten Kräfte beraubt wird. Je größer jedoch die Anzahl der Geſchulten wird, deſto mehr werden jie im Dorfe bleiben müſſen und dann zur Hebung der wirtſchaftlichen Verhältniſſe beitragen. Der Hunger nach Bildung iſt überaus groß. Ohne Schul- zwang jind alle Klaſjen überfüllt, und die Draußengebliebe- nen lajſen die Hoffnung nicht jinken, jpäter no<g anzukom- men. Überall wird mit Feuereifer gelehrt und gelernt. Natür- lich überwiegt die zweiklajjige EClementarjchule, wenn auch in größeren Dörfern und Flec>en ſchon vierklaſſige Schulen auftauchen. Um dem Bedürfmijje nach Lehrern und Lehre- rinnen zu begegnen, entſtehen aller Orten Seminarien. Bis jezt überwog no< das weibliche Geſchlecht unter den Lehren- den, aber nicht ſo ausſchließlich wie in den Hauptſtädten. Die Schule ſoll auf dem Lande zugleich landwirtſchaftliche Kenntniſſe vermitteln, dazu dienen Gärten und Verſuch3- felder bei der Schule. Jmkerei, Geflügelzucht ſollen ge- fördert werden. Hierfür eignen jich männliche Lehrkräfte bejſer. Die Volksſchule iſt keine alte, feſt gegründete Einrichtung wie bei uns. Aus kleinen Anfängen erwachſen, von den Behörden mit Mißtrauen betrachtet, iſt ſie groß geworden. Im Beginn waren es die Frauen und Töchter der Guts- beſißer, die in dem ſchönen Drange, jich zu betätigen, in die Dörfer hinabſtiegen, „ins Volk gingen“, um zu lehren und zu wirken. Andere junge Mädchen ſchloſſen fich an. Wie vielfach begegnen wir in den Meiſterwerken der Schrift- ſteller dieſen Geſtalten. Dann kam die große Zeit der Reformen. Alexander Il. j<huf die Semſtwo, die PBrovinzialſelbſtverwaltung, die als eine ihrer Hauptaufgaben die Volksbilung anjah. Mit ihren beſ<ränkten Mitteln, im ſtetigen Kampfe gegen Bedrückung und Berdächtigung, gründeten die Semſtwo eine Schule nach der anderen und unterhielten ſie. Opfervoll, wie immer, gingen gebildete junge ruſſiſche Mädc<hen ins Dorf und ar- beiteten, ſchlecht bezahlt und ganz vereinſamt, oſt gegen den heimlichen Widerſtand der Dorfgeiſtlichen, faſt wie auf ver- lorenem Poſten gegen die Macht der Finſternis. Anfangs ließen die Eltern nur die Knaven lernen. Mädchen hätten das nicht ſo nötig, heißt e8 wohl auch jezt noc<h. Jn einem gewiſſen Gegenſaße zu den Schulen der Semſjtwo unterhält die Kirche ihre eigenen Anſtalten, in denen häufig die Zög- linge der Brieſterſeminarien den Unterricht leiten, der viel- fach einjeitig und beſchränkt, feine beſondere Zuneigung ge- nießt. Aber auch hier werden Samenkörner für die Zukunft geſtreut. Auf größeren Gütern, von bedeutenden Fabriken . werden Schulen für die Arbeiterkinder unterhalten, oft mit gewerblichen Fortbildungskurfen. | Aber nicht geradeaus geht die Entwiklungslinie. In der Erkenntnis der alten Wahrheit: „Wer die Schule hat, hat die Zukunft“, iſt die Regierung beſtrebt, die Volksſhule ganz in ihre Hand zu befommen und ſie zu vereinheitlichen. Die Semſtwo will ſich natürlich das von ihr Errungene nicht entreißen laſſen, und die Kirche macht auch ihr Anrecht gel- tend. Dabei iſt die Semſtwo als Vertreterin des Fortſchrittes den anderen immer etwas verdächtig, obgleich in der Selbſt- verwaltung nach der Revolution die reaktionär Geſinnten die Übermacht erlangt haben. In den Kreiſen der Lehrer- ſhaft überwiegt bi8 jezt der Freiſinn. Aus dem Volke hervorgegangen, am Volke arbeitend, hält ſie ſich im eigent- lichſten Sinne für berufen, das Volk ſelbſt zu vertreten. Das trat bei dem erſten allgemeinen Volksſchullehrer- kongreſſe in St. Peter3burg 1913 zutage. Mit Staunen jah die Hauptſtadt die Arbeitskraft und Arbeitsluſt dieſer Schar von Lehrern und Lehrerinnen, die in vielen Sektionen- pädagogiſche und methodiſche Fragen beſprachen, aber den Mut auch fanden, gegen die Vergewaltigung der Mutter- m.