= UI. Bismar>, die deutſche Politik und der Krieg. Die folgenden Ausführungen ſind einem Artikel Prof. Otto Hinzes8 in der „Internationalen Monatsſchrift' 1) entnommen, in dem dieſer beſte Kenner preußiſcher Wer- jajſung38- und Verwaltungsgeſchichte die auswärtige Politik der Gegenwart mit dem Leben3werk Bi8mar>s in Verbin- dung ſeßt. „Zn der ungeheuren Kriſis dieſer Tage fehlt uns die Stimmung zu einem Verſuch, in ruhiger Sammlung zu überdenken, was der gewaltige Mann, der heute vor hundert Jahren das Licht der Welt erblickte, ſeinem Volk und Vaterland geweſen iſt, was er gewollt und gewirkt hat, und wie ſein Werk in dem großen hiſtoriſchen Zuſammenhang der Scii>ſale unſeres Volkes zu be- werten iſt. Immer wieder zieht die ſtürmiſch bewegte Gegenwart unſere Gedanken auf ſich; unwillkürlich ſtellen wir auch die wohlvertraute Geſtalt unſeres Na- tionalhelden in ihre Probleme und Verwicklungen hin- ein, und dringender als jonſt ſchon erhebt fich am heu- tigen Gedenktage die Frage: Wie verhält jich das, was wir in dieſer großen Schifalsſtunde der Welt kämp- ſend, ſorgend, hoffend erleben, zu dem, was dieſer ge- treue E>art unſeres Volkes in ſeinem Wirken und Wol- len, in ſeinen Gedanken und Sorgen, in ſeinen Wünſchen und Warnungen gleichſam als ein Vermächtnis an die Zukunft hinterlaſſen hat? Wandeln wir weiter auf der Bahn, die er gebrochen hat? Iſt ſein Geiſt mit uns in diejem furchtbaren Daſeins8kampfe, der uns von den Gegnern aufgezwungen worden iſt?“ Rach zwei Richtungen wird von Hinze das Leben3werk Bismarc>s betrachtet: al8 Anlaß zu der Feindſchaft, die uns jeßt umgibt, als Erweckung der „Widerſtände, die als eine der vornehmſten Urjachen des gegenwärtigen Krieges zu be- trachten ſind“, einerſeit3; und andrerſeits als das Gelingen des genial durchdachten Plane3, dem BisSmar>3 Beſtreben 1871--1890 vor allem galt: „Die Gefahr einer feind- lichen Koalition der Mächte gegen Deutſchland, wie ſie uns beute betroffen hat, abzuwenden.“ In dieſem Bemühen wird nicht nur der Dreibund, jondern vor allem auch der Rüdcverjicherung3vertrag mit Rußland aufs höchſte gewer- tei und deſjen Nichterneuerung dur< Caprivi ähnlich be- urteilt wie von Reventlow *), mit dem Hinze auch darin übereinſtimmt, daß er -- hier nur als Urteil Bis8marc>s wiedergegeben -- die Wege der Reichspolitik in den fol- genden Jahrzehnten nicht unbedingt nach Maß und Tempo billigt, wohl aber ihr leztes Ziel und damit auch die ſich ergebenden Konflikte als berechtigt anerkennt. So kommt er zu dem Schluß -- einem Schluß, der Bi8mar> wie dem „neuen Deutſchland“ in gleicher Weiſe gerecht wird: „Gine maßvolle, aber furchtloje Politik mit dem Ziel, einen ehrenvollen Platz unter den führenden Mäch- ten zu behaupten, und mit einer ſtarken Land- und Seemacht im Hintergrunde -- da3 iſt do; wohl im großen und ganzen in Übereinſtimmung mit dem, was Bismar> wollte und eingeleitet hat, mögen auch die Methoden im einzelnen nicht immer nach ſeinem Sinn geweſen ſein. Vielleicht, daß eine ſo unvergleichliche Staatskunſt wie die jeine uns günſtigere Bedingungen für den großen Weltkampf verſchafft haben würde, in den wir verwicelt ſind, aber erſpart geblieben wäre er uns wohl in keinem Falle. Und die Art, wie wir ihn führen, würde auc<4 den Begründer deutſjher Größe mit Stolz und Freude erfüllen. Es iſt ganz ſo gekom- 1) Der Artikel iſt enthalten in Heft 9 (1, April 1915) des 9, Jahr- gangs der wiederholt in der „Lehrerin herangezogenen „Internatio- nalen Monatsſchrift für Wiſſenſchaft, Kunſt und Technik. B. G. Teub- ner, Leipzig und Berlin. 2) Vgl. den Artikel in Nr. 43 des vorigen Jahrgangs: „Über deutſche Potitik in den lekten 25 Jahren. 1? --+ men, wie er es ſich gedacht hat: Ganz Deutſchland von der Memel bis zum Bodenſee iſt aufgebrannt wie eine Pulvermine und ſtarrte von Gewehren; der Furor Teutonicus des angegriffenen, in ſeinem friedlichen Da- ſein bedrohten Volkes bewies, daß der Kaiſer die rechte Stunde abgewartet hatte, e8 zu den Waffen zu rufen. Niemals, ſeit es ein deutſches Volk gibt, iſt e8 mit ſol- <er Kraſt, Einmütigkeit und Zucht zu kriegeriſcher Heerfahrt aufgeſtanden ; niemals vielleicht in der gan- zen Weltgeſchichte iſt von einem Heere ſo viel gefordert und geleiſtet worden wie in dieſem Kriege. Und mit dem Heer, dem Volk in Waffen, iſt das arbeitende Volk in der Heimat einig in dem unerſchütterlichen Willen, durc<zuhalten bis zum ehrenvollen Frieden. Das Rei, das 1866 und 1870 geſchmiedet worden iſt, hält zuſam- men; Germania ſitzt im Sattel und reitet. Der große Reichsbaumeiſter, deſſen Andenken wir heute feiern, könnte mit Befriedigung auf ſein Werk blicken ; wir aber können in dem ſchweren Kampfe, den wir durchzukämyp- jen haben, getroſt von der Überzeugung uns .durch- dringen laſſen, daß wir ſein Werk fortführen, und daß jein Geiſt und ſeine Kraft auch in uns heute leben- dig iſt.“ Behördliche Erlaſſe und Verfügungen. 1 Die Königliche Regierung Düſſeldorf erließ an die ihr unterſtellten Höheren Mädchenſchulen und Mittelſchulen des Bezirks ein Schreiben, das die Beſeitigung und Vermeidung fremdſprachlic<her Ausdrüde und Redeweiſen bezwe>t und folgenden Inhalt hat: Aus der mächtig aufflammenden Begeiſterung und der bei- jpielloſen alle Stände, Bekenntniſſe und Berufsarten um=- faſſenden Einhelligkeit des deutſchen Volkes bei dem Aufruf zum gegenwärtigen Kriege nehmen wir Veranlaſſung zu dem Erjuchen, unausgeſeßt und nachhaltig weit mehr als bisher dahin zu wirken, daß zunächſt im Unterrichte alle fremd- jprachlichen Ausdrü>e und Redeweiſen vermieden werden, für welche die Mutterſprache deutſche Wendungen bietet. Selbſjtverſtändlich werden hierdur<g die in die heimiſche Sprache übergegangenen Lehnwörter wie auch die grammati- jen Ausdrücke und Bezeichnungen nicht berührt. Weiterhin ſind die Knaben und Mädchen dazu anzuleiten, für die Bedürfniſſe des täglichen Lebens, für Speiſen und Getränke, für körperliche und geiſtige Beſchäftigungen, für Spiele und Übungen uſw. im Gegenſaß zu den bisher ſo beliebten fremdländiſchen Bezeichnungen deutſche Benennun- gen zu verwenden und im häuslichen Kreiſe wie im täglichen Verkehre mit andern heimiſch zu machen. Für Beſtrebungen dieſer Art machen wir auf die von dem deutſchen Sprachverein herausgegebenen Hefte (des Wirkl. Geheimen Oberbaurats Dr.-Jng. Dr. phil. Sarazzin) auf- merktjam. Wir erinnern endlich au daran, daß die durch die öffent= liche Meinung gebieterijch geforderte Umänderung mancher GeſchäftSauſſchriften, die in unverſtändlicher Weije aus ſrem- den Sprachen entnommen waren, in deutſche Bezeichnungen, auch erziehlich zu verwerten iſt. Überhaupt iſt die Erinnerung an den Geiſt einer großen Zeit, wie die Gegenwart ſie darſtellt, zu pflegen und wach zu halten, da ſie geeignet iſt, den Mut zu ſtählen, den Sinn zu veredeln und die Liebe zu Kaiſer und Reich von neuem feſt zu begründen und dauerhaft zu machen.