Mit beſonderer Vorliebe wandte ſich die deutſche Lehrerin den lieben Vettern jenſeits des Kanals zu. Nicht als ob fie es dort ſo ausnehmend gut gehabt hätte. Aber man brauchte ſie und ſchäßte ſie. Die Univerſitätsbildung, die bekanntlich - England den Frauen über ein Vierteljahrhundert vor Deutjch- land freigab, hatte auf die Berufsbildung noch kaum einen Einfluß geübt. Die tiefe Unwiſſenheit der landläufigen eng- liſchen Erzieherin ließ auch das beſcheidene, aber ſicher ge- gründete Wiſſen der deutſchen höchſt ſchäzenswert erſcheinen ; ihre pädagogiſche und muſikaliſche Begabung kam dazu. Und ein Heer von gewiſſenloſen Agenten ſorgte dafür, daß immer wieder ein friſcher Nachſchub zur Verfügung ſtand; junge unerfahrene Mädchen, die ohne irgendwelche Zuflüchtsſtätte, faſt ohne geſeßlihen Schuß, nur zu oft dem traurigſten Ge- ſchid entgegengingen. In dieſe Zuſtände griff mit dem energiſchen Willen, dem tat» und hoffnungsfrohen Temperament und der genialen Geſtaltungskraft, die ihre glückliche Mitgiſt waren, Helene Adelmann ein. Auch ſie war als Erzieherin mit 23 Jahren nach England gekommen. Wer den Boden kennen lernen will, auf dem fie heranreifte und aus dem die elemen- taren Kräfte erwuchſen, die ſie zu ihrem LebenSwerk befä- higten, der leſe das köſtlich urwüchſige Buch: „Aus meiner Kinderzeit.“ Man begreift, wie ſchwer aber nach dieſem Kindheit8paradies die Bildungskämpfe ſein mußten, die ſie hinausführten, die ihr das umfaſſende Verſtändnis für alles Menſ<liche gaben und die Weite de8 Blicks, die ihre Leben3- aufgabe verlangte, und wie ſchwer auch die äußeren Kämpfe, die zur LosSreißung von der friedlichen Scholle führten und in den Lehrerinnenberuf hinein. An ſich ſelbſt und an anderen hatte fie Gelegenheit ge- nug, das üble Ausbeutungsſyſtem der engliſchen Agenten kennen zu lernen, das damals gerade in beſonderer Blüte ſtand. Sie erkannte, daß Abhilfe nur auf eine einzige Weiſe inöglich war: durd) einen Zuſammenſchluß der Erzieherinnen jelbſt. Jn einem kleinen Leſezirkel von vierzehn deutſchen Erzieherinnen gewann fie die erſten Jünger. Am 15. No=- vember 1876 wurde ein Bund zu gegenſeitiger Hilfe bei eintretender Stellenloſigkeit und zu gemeinſamem Kampf gegen das Agentenunwejen geſchloſſen. Jede3 der Mitglieder warb neue. Auf der einzigen Grundlage, auf der ein Verein gedeihen kann, auf der des Bedürfniſſes geſhloſjen und von einer ungewöhnlichen organiſatoriſchen Kraft geleitet, erwarb der Berein fich bald das unbedingte Vertrauen des Publifums und der deutſchen Lehrerinnen. Im zweiten Jahr ſeine8 Beſtehens war er j<on auf 400 Mitglieder ange- wachien ; ſpäter hat fich die Zahl faſt verdoppelt. Aber um den deutj<hen Erzieherinnen einen wirklichen feſten Halt in der Fremde zu geben, dazu war ein eigenes Heim notwendig. In raſtloſer Tätigkeit wurden die Sum- men „zujammengebracht, die den Grundſto> dafür bilden mußten. Nur mit Einſatz der ganzen Perſönlichkeit konnte es gelingen, die drei= und vierfache Aufgabe zu erledigen, Die die Aufbringung der großen pefuniären Mittel für den Erwerb der beiden Häuſer in Wyndham Place, die heute ver- waiſt ſtehen, der aufreibende Kampf mit den Agenten, die innere Organiſation des Vereins und -- ihr Erzieherinnen- beruf ſtellten. Denn lange Zeit hatte Helene Adelmann auch dieſem neben ihrer Vereinstätigkeit genügen müſſen. Im deutſchen Daheim in London hängt ein Bild aus jener Zeit, das die Friſche und Energie ahnen läßt, mit der fie ihre Aufgaben anfaßte. Und die Schilderung einer Mitarbeiterin aus jenen Tagen gibt ein lebendiges Bild ihrer raſtloſen Arbeit: „Die eigentliche Triebfeder in all dieſem Wirken, die Feuerader, die dem ganzen Organismus Leben und Wärme verlieh, der Knotenpunkt, in dem ſich ſeine weithin verſponnenen Fäden vereinigten, war Frl. Adelmann, die auch jezt noch ihres Erzieherinnenberufs treulih wartete und nur ihre freie Zeit den Arbeiten für den Verein zu- widmen ims= ſtande war. Und wie arbeitete ſie in den ihr bleibenden 18 freien Stunden de8 Tages! Das Haus ihrer Prinzipalin iſt nur drei Minuten vom Daheim entfernt. Um fünf Uhr abend8, wenn ihre Pflichten beendet ſind, eilt ſie hinüber ins Verein3bureau; mit ſicherer, beſtimmter Hand rafft ſie die Geſchäfts3fäden auf, die ſie am vergangenen Abend nieder- legen mußte, hört bi8 in3 kleinſte Detail die Ereigniſſe des Tages an und ſezt ſich dann an die eigene Arbeit, die Buchführung. Ihr klarer Kopf, ihr eminentes Konzentra- tionSvermögen helfen ihr in kurzer Stunde dieſelbe Arbeit zu bewältigen, zu der eine andere die doppelte und dreifache Zeit gebrauchen würde. Kein unordentlicher Hausbewohner, fein jaumſfeliger oder untreuer Dienſtbote iſt vor ihr ſicher = immer fällt das ſcharfe Auge gerade auf das, was jich geri verbergen möchte, aber immer geht von dem ſtrahlenden Bli>d auch Liebe, Wohlwollen und Ermutigung für alle ſis Umgebenden aus.“ | Auf die Dauer ging es natürlich mit diejer drei- und vier- fachen Belaſtung nicht. Wenn auch in Magdalene Gau=- dian eine vorzügliche Mitarbeiterin gewonnen war, die ſich ganz dem jungen Unternehmen widmen konnte, jo häufte ſich auch deren Arbeit bald ſo, daß ſie ſie nicht allein mehr bewältigen konnte. Und ſo gab Helene Adelmann dem Drän- gen der Mitglieder nach und zog im Jahre 1883 in das3 Daheim ein, in dem nun beide Vorſteherinnen, in glück- licher Weiſe einander ergänzend, gewirkt haben, bis der Krieg jäh alle Fäden zerriß. = (E53 iſt nicht meine Aufgabe und hier auch nicht der Ort, die Geſchichte des engliſchen Vereins zu ſchreiben; ſie wird uns hoffentlich von berufener Hand zuteil werden. Nur in wenigen Worten habe ich das eigentliche Leben8werk von Helene Adelmann berühren wollen, um ihre Bedeutung für die deutſchen Lehrerinnen zu kennzeichnen. | Sie hat nicht nur darin beſtanden, daß ſie ihnen Obdad). und Schuß geſchaffen, daß ſie ihre Stellung in England zu heben wußte, ihre Gehaltsbedingungen zu verbeſjern : ſie hat vor allem auch die vaterländiſche Aufgabe zu ex- füllen verſtanden, deutſche Bildung und deutſche Pädagogik in England zu immer höherer Schäzung zu bringen. Jhr Herz war ganz deutſc< geblieben, bei aller unbefangenen An=- erkennung deſſen, was die Fremde bot, und ihr gutmütiger und doch jo beſhämender Spott traf jede „Engländerei“, die Neulinge wohl einmal in dem ganz deutſch gebliebenen „Daheim“ zur Schau zu tragen verſuchten. Die Teilnahme an allen Beſtrebungen, die im alten Vater- lande der Hebung der Lehrerinnenbildung dienten, führte fie Pfingſten 1890 zu der Lehrerinnenverſammlung in Fried- richroda, aus der die Gründung des Allgemeinen Deutſchen Lehrerinnenverein3s hervorging. Im Sturm gewannen die neuen Aufgaben, die ſich hier boten, ihr Herz. Als einen der erſten führte ſie den großen engliſchen Verein der neuen Gemeinſchaft zu. Als ihre Sonderaufgabe im Vorſtand des Allgemeinen Deutſchen Leh- rerinnenvereins8 ſah ſie es au, „den Sternguckern für den Drotkorb zu ſorgen“. Mit glücklicher Hand organiſierte ſie unſere Stellenvermittlung, der bis zum Sc<luß ihre Für- jorge galt. Und aufs neue durften deutſche Lehrerinnen den Segen ihrer jelbſtvergeſſenen Arbeit empfinden, diesmal im - eigenen Lande. Und ein drittes Mal hat ſie eingreifen dürfen in die Ge- j<ichte der deutſhen Lehrerinnen. Um die Jahrhundert= wende etwa wurden die Änderungen immer fühlbarer, die im englijhen Frauenbildung5wejen eingetreten waren und die mehr und mehr die deutſche Erzieherin in den Hinter- grund drängten. Die Errichtung zahlreicher guter Mädchen- ſchulen verminderte das Bedürfnis nach Erzieherinnen über=- haupt. Die engliſMen High Schools und Univerſitäten ver- mittelten den Mädchen die gleiche Bildung wie den Knaben; mehr und mehr verlangte man da38 auch von der Erzieherin. Die „accomplishments“ ſanken im Kurſe; Latein und Max- thematif, den Ddeutjh<en Lehrerinnen noch als unweiblich ferngehalten, war nun durch die ſchließlich doch bequemere