-- 2389 - Behaufungen herangegangen werden, da die ganz unbemitrel- ten Schichten nicht in der Lage ſind, beſſere Wohnungen zu bezahlen. Der Mangel an Kleinwohnungen wird noch dadurch verſchärft, daß auch Kreiſe, die mehr bezahlen könnten, aus falſch angebrachter Sparſamkeit an der Miete ſparen wollen. Erſt allmähliche Aufklärung und Erziehung zu beſſeren Wohn- ſitten wird hier Abhilfe ſchaffen. Im Juni 1914 hat die Gemeindeverwaltung auf Anregung der Wohnungsaufſicht hin beſchloſſen, den Bau von Kleinwohnungen durch gemeindliche Maßnähmen zu Fördern. Squſlgeldbeihilfe für die Kinder der Einberufenen ſichert ein Erlaß de3 preußiſchen Kriegsminiſter8 an ſämtliche General- kömmando3: Für die ſchulpflichtigen Kinder der Mannſchaften, die a) aus dem Beurlaubtenſtande zum aktiven Dienſt ein- berufen oder b) freiwillig unter oder ohne Vertragsabſchluß - in den aktiven Dienſt eingetreten ſind, kann das Volksſchuldgeld voll und für die höhere Schulen beſuchenden Kinder, die in der Verfügung vom 15. Auguſt 1914 erwähnte Schulgeldbei- hilfe gewährt werden. Den Mannſchaften de38 Beurlaubten- ſtandes ſind die zum aktiven Dienſt einberufenen Mannſchaften ves Landſturmes gleichzuachten. Fürſorgeerziehung betreffend erläßt der Miniſter des Innern fjolgende3: „Durch da3 Geſeß vom 7. Juli 1915, betreffend die Abänderung de3 Geſees über die Fürſorgeerziehung vom 2. Zuli 1900, erfährt 8 1, Abi. 1 eine weſentliche Änderung Während außer den Vorausſezungen des 8 1666 oder des 8 1838 de3 BGB. nach dem bisherigen Rechte von dem Vor- mundſchaft5gerichte geprüft wurde, ob die Fürſorgeerzie- hung erforderlich war, um die Verwahrloſung des Min- derjährigen zu verhüten, iſt nach der neuen Vorſchrift ledig- lich feſtzuſtellen, ob eine anderweitige Unterbringung des Minderjährigen zu dieſem Zwecke notwendig iſt und ob eine geeignete Unterbringung nicht ohne Inanſpruchnahme öffentlicher Mittel erfolgen kann. Der Zwe> dieſer Geſeße3- änderung iſt, dem vorbeugenden Charakter de38 Für- ſorgeerziehungs8geſezße8 in höherem Maße Gel- tung zu verſchaffen, als dies bis jezt möglich war. Soll dieſer Zweck erreicht werden, ſo muß überall da durch die Antragsbehörden rechtzeitig eingegriffen werden, wo eine Belaſſung de8 Minderjährigen in ſeinen Verhältniſſen die Ge- fahr der Verwahrloſung in ſich birgt. Es muß erwartet werden, daß die Antragsbehörden dieſer Pflicht gewiſſenhaft nachkom- men. Geſchieht dies, ſo werden demnächſt zahlreiche Minder- jährige der Fürſorgeerziehung überwieſen werden, für deren ordnung5mäßige Unterbringung ſeitens der im 8 14 des Ge- jezes8 vom 2. Juli 1900 bezeichneten Kommunalverbände Sorge getragen werden muß. Da e8 ſich vorwiegend um ſolche Minder- jährige handelt, die dem ſittlichen Verderben noch nicht an- Veimgefallen ſind, ſo wird die Familienerziehung in erſter Linie und nur in ſeltenen Ausnahmefällen die Anſtalt35erziehung in Frage kommen. Die Kommunalverbände werden deSshalb mehr wie biSher darauf Bedacht nehmen müſſen, ſich eine ausreichende Anzahl von Familien zu ſichern. Bei Deren Ermittlung werden ſie von den in den einzelnen Pro- vinzen vorhandenen Organiſationen derfreien Liebe3- tätigkeit, wie ich annehme, gern unterſtüßt werden, wie dies auch jezt ſchon in dankenswerter Weiſe geſchieht. Selbſtverſtändlich iſt es nicht der Zwe> der Novelle, alle gefährdeten Kinder unbedingt der Fürſorgeerziehung zuzufüh- ren. Es wird vielmehr in allen den Fällen, wo ſich bisher ſchon die freie Liebestätigkeit ſolcher Kinder angenommen hat, auch in Zukunft dieſe Arbeit unbehindert forigeſeßt werden können, ſofern die Vereine, welche die Sorge für Unterbrin- gung und Erziehung gefährdeter Kinder übernehmen, die exr- forderlichen Mittel beſißen und als geeignet zur Erfüllung dieſer ihrer Aufgabe anzuſehen ſind.“ | Segensreiche Erfolge der Kriegstrauungen. Allen Ange- hörigen der bewaffneten Macht, die dur< die Mobilmachung betroffen ſind, ermöglicht die Kriegstrauung noc< vor ihrem Auzgrücen in38 Feld, durch ſofortige Eheſchließung die An- erkennung der vor der Ehe geborenen Kinder zu erwirfen, wodurch die betreffenden Kinder nicht nur den Namen des Vaters erhalten, ſondern auch alle Rechte der ehelich geborenen Kinder. Da 23 erfahrungs8gemäß immer noch vorkommt, ſei es aus Unkenntnis oder anderen Gründen, daß die Anerkennung unterbleibt, wird darauf hingewieſen, daß die Anerkennung auch im Felde auf Antrag de8 Vater3 vor dem Kriegsgericht der Diviſion gültig ausgeſprochen wer- den kann. Auch wenn die Eheſchließung nicht ſtattgefunden hat oder die Mutter des Kinde3 nicht mehr am Leben iſt, kann die Anerkennung der Vaterſchaft durch einen im Felde ſtehen "den Soldaten von dem Kriegs8gericht entgegengenommen wer- dem. Das Kind erhält dadurch zwar nicht die Rechte eineSi ehelichen und behält auch den Namen der Mutter bei, eint ſolche Anerkennung würde aber als Unterlage für etwaige Kriegsunterſtüßung von weſentlichem Werte ſein. Koſten ent- ſtehen durch die Anerkennung nicht. Unſer Kriegserlebnis. Von Dr. Max Brahn, Leipzig. Wer dem Kriege ſehr nahe ſteht und ſeine äußeren For- men ins Auge faßt, dem erſcheint er wohl nur als Men- jchenmord und Verwüſtung, denen ein Sinn nicht abzu- gewinnen ijt.*) Eine andere Anſicht gewinnt ſchon der, der da erwägt, welches die Mittel ſind, mit denen der Krieg durchgeführt wird. Sowohl die perſönlichen Eigenſchaften der Menſchen, wie die Fähigkeiten der Staaten zur Orga- niſation werden im Kriege auf die ſtärkſte Probe geſtellt, und von ihnen hängt der Ausgang zum großen Teil ab. Noch weiter dehnt ji das Blickfeld desjenigen, der über- legt, auf welchen großen geijtigen Geſamteigenſc<aften Staat und einzelner ruhen, und wie durc<4 die Kriege die geſamte geiſtige Entwicklung von Staaten und Menjc<en beeinflußt wird. Da zeigt ſi ihm, wie häufig die Notwendigkeit, ji< gegen den äußeren Feind zu verteidigen, die Grundlage der grüßten inneren, geiſtigen Reformen iſt, und wie im Kriege geiſtige Veränderungen des Volkes, die man ſonſt nur wie im Schattenriß ſah, nun lebendig und anſchaulich vor Augen treten. Da wird der Krieg zur Probe dafür, wieviel die geiſtigen Strömungen der vor ihm liegenden Zeit wert geweſen jind, und zum Anreiz dafür, dieſe Strömungen, joweit jie jich bewährt haben, nun zu organiſieren, zu ſtär- fen, bewußt zu geiſtigen Mächten zu machen. Man b.aucht ja nur daran zu denken, was die Befreiungskriege für Deutjichlands geiſtiges Leben bedeuten, wie ſie einerſeits durch das geſamte Geiſtesleben der deutſchen Klaſſiker in Lite- ratur und Philofophie vorbereitet werden, und wie ſie ande- rerjeit3 die Entwicklung des deutſchen Geiſtesleben3, beſon- ders in all den Dingen, die mit Erziehung und Bildung zuſammenhängen, beſtimmen. Beſtimmte geiſtige Eigenſchaf= ten des Volkes erweiſen ſich als wertvoll; ſie zu erziehen, wird eine Aufgabe, die der Staat im eigenen Intereſſe für nötig hält. Und neue Formen der Erziehung und Bildung tauchen auf, nicht aus unbekannten Tiefen und nicht plöß- lich, jondern aus Wahl alles deſſen, iwas ſchon lange als fortſchrittliche Jdee vorhanden war, und über deſſen Be= rechtigung jonſt noch lange geſtritten worden wäre. Wie der jezige Krieg zum Beginn einer neuen geiſtigen Epoche wird, das ſchildert in meiſterlicher Weiſe der Bremer Domprediger Ludwig Jacobskötter in „Unſer Kriegs8- erlebnis“ ?) mit einer Anſ<haulichfeit und Wärme, die jedem 1) Wir bringen dieſe eingehende Beſprechung aus der Jeder des befannten Pſychologen, des wiſſenſchaftlichen Leiters des Inſtitut38 in Leipzig, wenn wir auc< nicht allen Anſichten deSſelben bedingungs3lo3 zuſtimmen und namentlich der erſten Behauptung Beweiſe aus Feldpoſtbriefen und Tagebüchern ent- gegenſtellen können, die da zeigen, wie gerade von den Kämpfern an der Front der tiefe Sinn, die ſittlich ſteigernde Kraft der Hingabe und Selbſtaufopferung erlebt werden. Die Schriftleitung. 2) Ludwig Jacobs38kötter, Unſer Kriegserlebnis. In ſeiner geiſtesgeichichtlichen Bedeutung dargeſtellt. VI und 90 S. Leipzig, Veit & Co. 1,30 4. “ SER