' 32. Jahrgang Beiblatt B Ur. 235 ie Lehrerin | Organ des Allgemeinen Deutſchen Cehrerinnenvereins Beiblatt des Verbandes Deutſcher Volksſchullehrerinnen Sektion des Allgemeinen Deutſchen Lehrerinnenvereins | Herausgegeben vom Sektions-Vorſtand | Schriftleitung: Sranziska Ohneſorge in DresSden zx Derlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 5. Sebruar 1916 Alle Manuſkriptſendungen für dieſes Beiblatt B ſind zu richten an Sräulein Sranziska Ohneſorge, Dresden, Alemannenſtraße 111. Unverlangt eingeſandte Manuſkripte können nur zurüFgeſandt werden, wenn ausreichendes Rückporto beigefügt iſt. Zur Erinnerung an Marie Loeper-Houſſelle eee eo S 89 | Kriegsſammlungen der Berliner Lehrerinnen S. Zur Erinnerung an Marie Loeper-Houſſelle. Was Marie Loeper-Houſſjelle den deutſchen Lehre- rinnen gewejen iſt, wa3 ſie als Grünzerin der erſten Lehre- rinnenzeitung in Deutſchland und als Mitbegründerin des Allgemeinen Deutſchen Lehrerinnenvereins geleiſtet hat, wird an anderer Stelle von berufenſter Seite geſagt. Hier ſoll nicht über jie geſprochen werden; hier foll jie feli auf unſern Verſammlungen perſönlich kennen zu lernen, von einer Sache reden, die ihr vor allem am Herzen lag und für die ſie ihre beſte Kraft einſezte, von der Pflicht der Leh- | [eben --, das wird von vielen noch nicht in jeiner ganzen rerinnen, ſich zuſammenzuſchließen zu gemeinſamer Arbeit im Dienſte ihres Berufes. Vor zwanzig Jahren hat jie den Vortrag gehalten, der im folgenden mit einigen Rürzungen wiedergegeben wird. Sind auch einzelne ihrer Ausführungen von der Zeit überholt, einzelne ihrer Klagen nicht mehr in dem Umfange wie damal3 berechtigt, ſo hat ſie doch auch ven heutigen Lehrerinnen noch genug zu ſagen, was nicht oft und eindringlich genug wiederholt werden kann, über: Die ideellen Zwecke des Vereinslebens.*) -- Zunächſt geſtatten Sie mir, Jhnen meinen herzlichſten Dank zu ſagen für Jhre freundliche Einladung. J< bin der- jelben nur gar zu gern gefolgt, denn ich geſtehe Ihnen, daß es mir nicht nur ein ſeeliſches Bedürfnis iſt, mich mit Leh- rerinnen von Zeit zu Zeit in perſönlichen Verkehr zu fegen, ſondern daß ich dieſen Verkehr für meine Arbeit, für meine Lebenösaufgabe notwendig erachte. I< gewinne aus dem per- ſönlichen Zuſammenſein mit den Lehrerinnen nicht nur neue Kraft und neuen Mut für meine Arbeit, ſondern auch klarere Erkenntnis, tieferes Verſtändnis für Jhre Arbeit, und Dieſer Gewinn ijt mir eine Notwendigkeit, um meine Arbeit wiederum wirkſamer für Sie zu machen. I< hege gleichzeitig dabei die Hoffnung, daß auch Sie für mich und meine Beſtrebungen ein klareres Verſtändnis und ein lebhafſteres Intereſſe erlangen, wenn ich mit dem leben- digen Worte verſuche, mir Eingang in Jhre Seelen zu bahnen. 34 mödte mich heute mit Ihnen, liebe Kolleginnen, über eine Sache verſtändigen, die für uns Frauen im allgemeinen und für die Lehrerinnen im beſonderen von der weittragend- ſten und tiefgehendſten Bedeutung iſt behufs Vollziehung der nicht nur von der Jeßtzeit, ſondern zu allen Zeiten von unjerer Beſtimmung un3 geſtellten Aufgabe: mit allen uns gewordenen und erworbenen Mitteln an der Förderung der Allgemeinwohlfahrt, die im lezten Grunde Do) nicht3 anderes bedeutet als die ' Dervollfommnung des Menichengeſchlechts. 1) Vortrag, gehalten in Wiesbaden, Frankfurt a. M. und Darmſtadt. - mitzuarbeiten. En... 8 4 8 1 Um dieſer Forderung in ihrem ganzen Umfange und in möglichſter Vollkommenheit zu genügen, müſſen wir uns zi:- jammenſchließen, wie es allezeit die Menſchen geian, wenn es galt, einen Schritt vorwärts in der Kulturentwielung zu tun, dem Wohlfahrt3- oder auch nur dem Nüßlichkeit3prinzip | zur Verwirklichung zu verhelfen. Über dieſen Zuſammenj<luß haben wir wohl weiter feine Verſtändigung nötig; denn von der Machtwirfung eines Zu- reden, zu denen bejonder3 reden, die als jüngere Glieder ; jammenj<lujjes vieler Kräfte ſind ja wohl alle überzeugt unſeres Standes nicht mehr die Freude gehabt haben, ſie | durch die Erfahrung; aber das, was den Zujammenichluß vieler zu einem organiſchen Ganzen macht, das ſich nur ge- deibhlich entwideln und jeine Beſtimmung erreichen fann, wenn jeder Teil ſeine Schuldigkeit tut = das Vereins- Bedeutung gewertet, ja von vielen, ich möchte jagen, ent- wertet, indem es höchjtens als ein Mittel zur Erlangung des einen oder anderen materiellen Vorteils angeſehen und demgemäß behandelt wird. Ohne die materiellen Vorteile des Bereinslebens zu unterſchägen, möchte ich doch davor warnen, ihnen höhere Bedeutung zu geben, als ihnen als bloßes Mittel zufommt, und Sie bitien, mit mir einmal den Bli> auf den idealen Zweck des Vereinslebens zu rich- ten, welchen ich kurz bezeichne al8: die Vervollfomm- nung des individuellen und beruflichen Lebens. Che ich den Verjuch mache, Ihnen nachzuweiſen, daß und inwieſern das Vereinsleben das individuelle und berufliche Leben fördert, oder mit anderen Worten, uns fähiger macht, unjere individuelle und veruſliche Auſgabe möglichſt voll- kommen zu erfüllen, lajjen Sie uns unterjuchen, worin es jeinen Grund hat, daß die Lehrerinnen im allgemeinen das Vereinsleben nicht nach ſeiner ideellen Seite hin erfaſſen, es um ſeiner ideellen Zwecke willen zu werten verſtehen, infolgedeſſen auch nicht8 tun, um das Wereinsleben dieſen Zwecken ent- jprecherid zu fördern. Daß bisSher unter den Lehrerinnen im allgemeinen ji noc< wenig oder gar kein Verſtändnis für den ideellen Zwe des Vereinsleben3 kund getan, iſt eine Tatſache, die ich ja wohl nicht weiter begründen darf. Dieſe Tatſache wird von einem großen Teil der Lehrerinnen | jelber zugeſtanden, wenn auch nicht durch das Wort, io doch dur< ihr Verhalten, ſie wird beklagt von den Leiterinnen der Vereine, die bemüht ſind, ihre Mitglieder zu einer Betä- tigung ihrer Mitgliedſchaft zu gewinnen, ſie hat mir I<on manche Shmerzensſtunde bereitet, wenn "Klagebriefe ein- gingen, oder wenn ich ſelbſt die Schwierigkeiten zu Überwinden juchte, über die die Leiterinnen klagten. Dieſe Scwierig- Leiten beſtehen nach meiner Erfahrung in dem vollſtändigen Mangel an Verſtändnis für die Pflichten der Lehrerin al8 Angehörige eines Standes, ferner in einem daraus ſich er- gebenden Mangel an Verſtändnis für die ideellen Zwee des Vereinslebens und endlich in einem Mangel, der den beiden erſtgenannten wohl zugrunde liegt, ich meine den Mangel an Gemeinſinm: