Allgemeine Wöchentlich erſcheint eine Nummer ' in einem ganzen Bogen, Abonne- ments, jedo< nur auf den gan zen Jahrgang, nehmen alle Poſt- Ämter und Buc<handlungen an. Schul-Zeitung. „ui, Ener Preis per Jahrgang Nthlr. 3. oder fl. 5. 24 kr. =“ Inſerate wer- den mit 1 Sgr. oder 4 kr. die geſpaltene Petitzeile oder deren Raum berechnet. AEETREEERRERLREIEN Enunartnguentnen Ac<htunddreißigſter Jahrgang. Darmſtadt, 16. März. 1861. Lehrerperſönlichkeit. | (Scluß.) Aber nicht die Fachſtudien allein influiren auf die beſondere Ausgeſtaltung einer Lehrerperſönlichkeit, ſondern auch die aus beſonderer Neigung daneben no< anderwärts gepflegten geiſti- gen Arbeiten, deßgleihen die ganze philoſophiſche, religiöſe, politiſche Richtung des Mannes, ſein geiſtiger Verkehr im Col- legio und mit der übrigen gebildeten, ſocialen Welt, ſeine Pri- vatlectüre, ſein äußerer Lebensgang. Ein Lehrer, der viel in ſeiner Stydirſtube lebt, wird ein anderer Mann, als einex, der den öffentlihen Markt des Lebens und die darauf dargebotenen beſondern Genüſſe ſucht, der viel in Geſellic<aſten leben und fiH darin gehen laſſen wil. Jenem wird eine gewiſſe Einſeis= tigfeit anfleben, dieſer wird ungenirter und unbekümmerter um Andrer Meinung auftreten. Der dem ernſtern Glaubensleben mehr entfremdete Mann ſtellt fich in allen bedeutſamen Lebens beziehungen weſentli? anders dar, als der in ſolhem Glaubens- leben athmende; der liberale anders, als der ſtreng conſer- vative, der Kantianer anders, als der Hegelianer. Wenn gleich das beſonders gepflegte LebensfaMm eines Lehrers gar nicht in ſim ſelbſt die Nöthigung zu der einen oder andern der ange» deuteten Sinnesrichtungen enthält, ſo beeinfluſſen leßtere doh die individuelle Geſtaltung der geiſtigen Perſönlichkeit eines Lehrers ſehr bedeutſam. Wer ſich mit rein empiriſchen Wiſſen- ſchaften als Lehrer zu befaſſen hat, wird leicht dem Materialis- mus und den damit zuſammenhängenden Gedankenkreiſen ſich zuwenden ; wer den exacten Fächern lebt, wird der rationels? len Glaubens= und Weltanſchauung beſonders zuneigen ; wer den hiſtoriſ<en Gebieten obliegt, den ſieht man theils fehr ſtreng, theils mild conſervativ, theils ſehr liberal bis zu extra- vaganter Volksfreundlichkeit geneigt, und ebenſo bald der ſtren» gern, bald der vermittelnden, bald der freiſinnigen, ja, verwil- derten fir<li<en Auffaſjung des Glaubenslebens hingegeben. Das in jeßiger Zeit bewegtere Kir<en- und Staatsleben nöthigt auc< den Lehrer, der nicht bloß nachtreten und an fremdem Leitſeile ſih führen laſſen will, Poſition zu faſſen. Huldigt er einer vorwaltend verſtändigen Geiſtesrihtung, jo pflegt er auc< zur ſc<arfen Kritik der Zuſtände aufgelegt zu ſein und für die Selbſtändigkeit ſeiner Meinung und ſeines Lebensgenuſ- jes gern beſondere Freiheit in Anſpru> zu nehmen; und danach wird ſich der Einfluß dieſer Momente auf ſeine ganze Perſön- lichkeit bemeſſen. Schließt er ſih der gläubigen Richtung an, ohne einſeitigen Rigorismus, ſo wird größere Milde des Ur- theils, größere Geneigtheit, berechtigten höheren Gewalten fich unterzuordnen, bei ihm gefunden werden, und das muß ebens- falls ſeine Perſönlichkeit mit beſtimmen. Die bedenklichſten Einflüſſe fann letztere dur; ein ganz der Veräußerlichung hingegebenes Weſen erfahren, das mit einer ſtarken Vorliebe für unterſc<iedlos geſu<ten Genuß, zumal bei fleißigem Gaſt- hausbeſuMm, eine ruinirende Laxheit der- Sitten, aber auch die Luſt an Wortſtreit. und Vielrednerei zur Beſchönigung ſolder Neigungen verbindet, Leider kann mancher Lehrer von guten - Gaben und ſc<önen Kenntniſſen derartigen Ablenkungen von den ihm mehr geziemenden Wegen und Weiſen ſich ſchwer ent- ziehen, und ſeine ganze Perſönlichkeit leidet darunter auf das bedauerlihſte. (Es iſt ja gerade der Wille der hauptſächlichſte Angelpunkt des männlichen Charakters und der männlichen Per- ſönli<mkeit. Dieſer aber wird ungeachtet alles täuſchenden Scheins ſelbſtändiger Stärke bei ſol; einem ungebundeneren Genußleben in der That in ſeinem innerſten Weſen geknetet ; er iſt factiſc; dabei unfrei, da er von einem magnetiſchen Zuge zum minder Edeln und Weihevollen beherrſ<t wird. Aber auch in ſolhen Berſönlichfeiten waltet ein ſtarker Zug krankhafter Verſchiefung, wel<he bei aller Treue tiefinnerlihſten Glaubens- lebens einer abſhwächenden Askeſe huldigen; ſie find ohne männlichen, geſunden Willen, dem wirklihen Leben bis zur Feindſeligkeit dagegen entrückt, einſeitig auf fim und ihre Mei- nungen abgeſchloſſen, unfähig, lebendigen Einfluß auf ihre Umgebung zu üben und namentlic< die Jugend zu verſtehen - und zu leiten. Denn ihnen widerſteht die ſprudelnde Jugend- friſMe und Munterkeit, ſie ſehen darin allerlei Aeußerungen ſündigen Weſens, das gebeugt und gebrochen werden müſſe; fie erfennen eigentlich fein weltlihes Wiſſens- und Könnensfach in ſeiner vollberechtigten Bedeutung für die Geſammtentwi>kelung des menſc<li<en Geiſtes an, ſondern vindiciren ausſ<ließlic< den religiöſen Fächern das Rec<t und die Fähigkeit, den Geiſt zu bilden; und ſie entgehen ſelten der Täuſchung, daß asfetiſche Worte und Formen das eh<Hte Glaubensleben ſ<on darſtellen fönnten, wel<es dom an ganz andere Dinge, als an fromm»- flingende Worte und andachtvoll erſcheinende Formen geknüpft iſt. Lehrerperſönlichfeiten dieſer Geiſtesrichtung, in der Regel höchſt treu und gewiſſenhaft in allen äußern Amtsſac<hen, kranken an einer Trübheit und Engherzigkeit ihres Weſens, an einer Einſeitigkeit ihrer Gedanken und praktiſchen Beſtrebungen, an- einer Abſchließung auch gegen die Nächſtſtehenden und an Zurück>- gezogenheit auf ſich ſelbt, daß es mehr als fraglic< erſcheinen muß, ob ſie zur wohlthätigen Einwirkung auf jugendliche Ge=- müther geeignet Rnd, Die Gefahr, den kindiſ<en Sinn und das findlice Gemüth zu knien, und ſtatt der natürlichen Friſche