Allgemeine Wocentlich erſcheint eine Nummer in einem ganzen Bogen. Abonne- ments, au< halbjährige, nehmen alle Poſt-Ämter und Buchhand»- lungen an, | Preis per Jahrgang Rthlr. 3. oder fl. 5. 24 fr. = I nſerate wer- den mit 12?]; Sgr. die geſpaltene Schul-Zeitung, 2Z2= EEE GEE eEEETERNERGEEN .... Nant Ac<htunddreißigſter Jahrgang. R: 34. E r 3 iehung zur Selbſtändigkeit durc< den Unterricht. Alle Selbſtändigkeit iſt Bethätigung der Individualität in irgend einem Lebenskreiſe. Die Individualität, welche für die Erziehung in Betracht kommt, zeigt die allgemeinen Factoren der Menſ<heit in einem beſonderen Verhältniſſe und iſt ſchon in den Anlagen begründet, Zm Allgemeinen werden dieje An- lagen , die den individuellen Menſc<en conſtituiren, auf das Uebergewicht eines der Syſteme zurügehen, die in ihrer Ver- webung menſchlihem Daſein zu Grunde liegen, auf die Herr» ſchaft des Hirnſyſtems oder vegetativen Syſtems oder des Glie- der: und Sinnenſyſtems. Das Hirnſyſtem iſt Grundlage eines ſeelenvollen Charakters mit gemüthlicher Tiefe und mit geiſtiger Klarheit; das vegetative Syſtem mit ſeinen Gefäßen und ihren Verrichtungen iſt ſ<hwacher oder kräftiger Träger des leiblichen Daſeins ; von den andern Syſtemen gibt das der Sinne Empfäng> lic<feit für den Lebensgenuß und Orientirung in der Außen- welt, das der Glieder bedingt die kräftige oder ſ<wächliche Erſcheinung des äußern Wirkens. Aus den Miſchungsverhält- niſſen dieſer Grundformen erwächſt die zahlloſe Verſchiedenheit menſ<liher Charaktere? das Alterthum ſc<on hat ſie, das Blut ins Auge faſſend, in den ſogenannten Temperamenten zu fixiren verſucht, da das einſeitige Uebergewicht der genannten Syſteme theils auf die Beſchaffenheit des Blutes, theils auf ſeine Be- wegung beſtimmten Einfluß hat. Dieſe Syſteme ſind alſo für das Individualleben die materielle Grundlage, welche einer Ent- wielung fähig iſt; der Form nach aber ſpricht alle Indivi - dualität << Überhaupt dahin aus, daß ſie, abgeſondert vom Übrigen Leben, ein eigenthümliches Factorenverhältniß und eine von ſolchem Factorenverhältniſſe abhängige eigenthümliche Thä- tigkeit in ſich trägt und dadurch eines geſchloſſenen Lebens fich erfreut. Die Wirkſamkeit nun oder die Bethätigung der alfo bezeichneten Individualität nennen wir auc< für das Gebiet der Erziehung Selbſtändigkeit. Seelenloſes Pflanzenleben und brutaler Troß, raffinirte Sinnenluſt und der Egoismus des Eigennußes, der Habjucht, der Eitelkeit und der Herrſchſu<mt treten uns mit den Anſprüchen der Selbſtändigkeit entgegen; in gleicher Weiſe die Unwiſſen- heit, auc) Gemüther, die mit ihrer Gluth in ſich ſelbſt hinein- brennen oder deren Flammen nac< außen ſchlagen, und einſei- tige Grundſäße, wie ſie im täglichen Leben epidemiſ<m wuchern : all das aber kann für den Erzieher nur Ausgangs- oder An- knüpfungspunkt fein in Bezug auf das oberſte Ziel aller Selb- ſtändigkeit, auf humane Selbſtändigkeit, die in Nächſtenliebe Darmſtadt, 24. Auguſt. mit geiſtiger Tüchtigkeit und ſittlihem Handeln die Perſönlich- keit in ihrer ganzen Erſcheinung durchdringt und verklärt. Abſolute Selbſtändigkeit des Menſchen kann nimmermehr das Ziel ſein, eine Selbſtändigkeit, die wohl hinter Kloſter» mauern fim erfünſtelt oder den dur<löcherten Mantel des An- tiſthenes fim umhängt und in des Diogenes Faß fiz verkriecht. Hülflos tritt der Menſ< in das Leben; das Bedürfniß der Nahrung, weiterhin der Geſhlechtstrieb, der Trieb der Gezjels ligkeit und die Nothwendigkeit, im bürgerlichen Leben eine Stel» lung fich zu verſchaffen und zu behaupten, das Bedürfniß ge- müthlicher und geiſtiger Ergänzung, das Gefühl und die Er- kenntniß der Zugehörigkeit zur Welt und der Abhängigkeit von Gott, laſſen den Gedanken an eine Unabhängigkeit überhaupt gar ſehr verblaſſen z Vielen werden ohnedem die Wurzeln der Selbſtändigkeit vernichtet in den frühen Jahren der Jugend durc< üppigen Wohlſtand oder ſ<mußige Armuth, von denen ſie bei der Geburt ſchon empfangen werden, dur< unmenſ<- liche Behandlung oder unverſtändige im Uebermaß „gereichte Hülfe z Enttäuſchung der Hoffnungen und Mißlingen der Unter- nehmungen find auc im ſpäteren Leben für die Selbſtändig keit, was der Roſt für die metallnen Erdrieſen. Alle Dinge find nur relativ: ſo au< das, was der Menſch im Reiche der Dinge an Selbſtändigkeit fiſh erwerben mag, d, h. alle Selb- ſtändigkeit und gerade die höchſte, die er erreihen kann, läßt ihn als Glied eines Ganzen erſcheinen, in das er ſic ein» fügen und an deſſen Aufgabe er gemeinſc<haftlih mit Anderen, ſoviel an ihm iſt, eingreifen muß, Selbſtändigkeit iſt uns alſo nunmehr im höchſten Sinne individuelle Bethätigung von Hu- manität, ausgehend von dem Gliede eines Ganzen und durc< das Ganze beſtimmt. Was hierfür der Erzieher dur< Bändigung der Thierheit und wiederum dur< aneifernde und ſchonende Behandlung des Zöglings zu thun vermöge, wollen wir nicht unterſuchen, aber zu erwägen iſt, in wiefern der Unterricht ſelbſt jene Aufgabe zu fördern im Stande iſt, Daß gewiſſe Unterrichtsgegenſtände die von uns im hö<- ſten Sinne bezeichnete Selbſtändigkeit fördern, wird von den Meiſten gerne zugeſtanden. Nach dieſer Richtung ſcheint z, B, der Religionsunterriht vor allen Dingen zu wirken, eine Re- ligionslehre allerdings, die, naM Harms *), keine Retigionsleere *) Vrgl. hiezu: Das Chriſtenthum. Der Jugend in einem kleinen - Katechismus vorgeſtellt und geprieſen. 3. Aufl. Kiel und Leip- zig bet R. Haſſe. 1814. -- Ein Büchlein, das, einſt vielfach angefeindet, jeht wenig mehr gekannt, als ein reicher Born relt- giöfſen Lebens das Herz zu Gott zu ziehen vermag.