Fistorische Bildung. *) Von Aloys Fischer. Mit den meisten, wenn nicht mit allen Deutschen habe ich die Über- zeugung geteilt, daß in unserem Vaterlande Jedenfalls eine Seite der Bil- dung, die historische, zu vorbildlicher Höhe entwickelt 86). Die natur- wiggenschaftlich-technische Bildung mochte in Amerika, die literarisch- ägthetische in Frankreich mehr gepflegt werden und fortgeschrittener gein ; daß die historisch-philologische Bildung bei uns eine unerreichte Höhe habe, galt als unbezweifelbar, als 80 gewiß, daß auch die aus den nationalen Kul- turen der neuen Zeit, aus den erst im 19. Jahrhundert richtig erblühten Naturwisgenschaften Stammenden Bildungswerte lange Zeit nur nach den von der historisch-philologischen Bildung entwickelten Methoden behandelt, der Jugend erschlogsgen wurden. Gewißist das historischeDenken bei den romanischen Nationen Wesgt- europas früher erwacht als bei uns Deutschen ; es läßt gich nicht leugnen, daß die Italiener an der Wende des Mittelalters zur Renaisgance ein deut- liches Bewußtgein der Gegehichtlichkeit ihres Zeitalters begaßen, über die Chronologie der Ereignisse hinaus nach einer Kingicht in den Zugammenbang der Gegehichte, in das Gegetz ihrer Bewegungen, in ihren Sinn gstrebten; und ebenso gewiß ist, daß einzelne Franzosgen, Engländer und vor allem wieder Italiener teilweise vor den Deutschen gSelbst an die Probleme gerührt haben, die wir heute als Fragen einer GeschichtsphiloSophie, einer prin- zipiellen und letzten Epdes metaphysischen Betrachtung und Deutung der Gegschichte Zugammenzuſasgen pflegen. Aber erst durch die Deutschen wurden diege Anfänge einer WisgSenschafſtlichen und philosophischen Betrach- ' tung der Geschichte SYStematisch fortgeführt, ausgebaut, vertieft ; deutschen Genien des 18. Jahrhunderts verdankt Kuropa die Ausbreitung und Ver- tiefung des historisSchen BewuBßtgeing, das für den Mengchen der neuen Zeit SO Charakteristisch iSt wie das naive Aufgehen in der eigenen Gegenwart, das Unbewußtgein der Zeit für den Mengchen des Mittelalters. Man braucht nur an Lessing, Möger, Winckelmann, Herder, Schiller, J.v. Müller, Schlözer, Schlogger zu erinnern, um Zeugen dafür zu haben, wie eng und wegentlich mit dem Geist unsgerer KklagSiSchen Zeit die Begchäftigung mit der Ver- gangenheit, die Vergleichung der Epochen der Gegchichte und die Kr- klärung der BEKinzelheiten aus Gegetzen der bewußten Geistegentwicklung, die Deutung des Sinnes und der Glaube an Gegetzmäßigkeit und Ent- wicklungsfortschritt im politischen und kulturellen Leben verknüpft war. Erst in Deutschland ist Jene geltgame Durchdringung von streng metho- discher Tatgachenforschung und philogSophischer Intuition des Wegens, Zu- Sammenhangs und Gegetzes der Einzelheiten erreicht worden, die uns als 1) Mit Rücksicht auf Einzelheiten des Inhaltes gei die Bemerkung gestattet, daß der vorliegende Aufsatz Ende Februar 1915 niedergeschrieben ist. - Die Schriftleitung. Zeitschriſt f. pädagog. Psychologie. 20