306 Historische Bildung. Vollendung des historiSchen Denkens imponiert. Wenn man traditioneller- weise die Philogophie des 18. Jahrhunderts, namentlich Seiner zweiten Hälfte, den Rationalismus und die Aufklärung, als die Blüte der unhistori- Schen Denkweige bingtellt oder gich zu betrachten gewöhnt hat, 80 über- Sicht man dabei gerade das, was der deutsche Geist in die Aufklärung als Sein eigenes Gut hineingetragen hat, worin er nicht von dem franzögigsch- englischen Muster der rationalen Konstruktion aller Wirklichkeit aus zeitlos gedachten, definierten, mathematisch-phygikalischen Klementen und Ver- bindungsgegetzen abhängig war und gich durch diegen Geist rational-mecha- niScher Verständlichkeit nicht unterjochen ließ. Das deutsche Denken begaß den Blick für das Finzigartige und Kinmalige des Geschichtlichen, den Glauben an das Neue, wie es echt in der Geschichte entsteht, zum Unter- Schied von dem Schein-Neuen der mechanistiSchen Natur- und Weltauf- fasSung, für welche es ein Neues im echten Sinne nicht geben kann, Sondern nur eine Änderung der Zugammensgetzung und Gruppierung an gich gleich- artiger, unentstandener und unvergänglicher Stoffteilchen oder an Sich gleichartiger, mit gleichen Trieben ausgegstatteter, gleich berechtigter Men- Schenindividuen, geschichtslos gedachten, abstrakten HinzelperSonen, wie gie der Mensch der Hobbegsschen Staatslehre, der Mensch des Gegellschafts- vertrags der franzöSischen Rationalisten reprägentiert. Das geschichtliche Denken ist aus dem deutschen Geistesleben auch nicht wieder verschwunden. Das 19. Jahrhundert und die Gegenwart baben es nicht nur ererbt und bewahrt, Sondern gelbständig weitergebildet, in die Einzel- wisSenschaſten hineingetragen, durch die Erziehung in die Masgen populari- Siert. Die historigche Betrachtungsweise durchdrang gerade in Deutschland als einheitlicher Geist unger gegamtes Denken, bis hinauf zur Philogophie,-- Hegel -- bis herab zu den Scheinbar ganz geschichtslos verfahrenden, rein ratiopal konstrulerenden Naturwisgenschaften -- die Prinzipien des biO- logiSchen Denkens und die Idee der Evolution. Die geschichtliche Denk- weilige erweiterte ihr Feld; über die Gegchichte dieges oder Jenes einzelnen Volkes dringt der Blick hinaus auf die Geschichte des Menschen und der Mensgchheit, auf die Geschichte der Erde und des Weltalls, und in der Wiggen- Schaft der Weltgeschichte im vollen Verstande dieses Wortes ist das histo- riSche Denken -- in Hegel -- 80wohl zu Seinem auch in aller HFäinzel- geschichte Schon gemeinten eigentlichen Gegenstand vorgedrungen wie zugleich zum vollen Bewußtgein Seiner eigenen Art und Leistungsfähigkeit gereiſt. Die historische Denkweise, der Historigmus, wurde 80 deutsch, daß er die Gefahr des deutschen Wegens zu werden drohte, den Widergpruch herausforderte, den Spott entfeggelte, wofür als Beleg an die frühe Wirk- Samkeit von Nietzsche erinnert 8ei. Auch unger gegamtes praktisches Denken, unsgere Soziale und politische Gestaltungsarbeit Yuhte noch auf historisSchem Denken oder hatte an ihm wenigstens Seine Zengur ; das histo- riSche Versgtändnis, die Eingicht in die Gründe und Rechtfertigungen des »„Zeschichtlich Gewordenen“ wurden nicht gelten zur Fegsgel für den wagenden Verguch, eine Art Lähmung der Initiative und ein Pasgivistischer Optimigmusg, der übergab, daß das „Gewordene“ zum größten Teil auch einmal „gemacht“ oder durch Unterlaggung verschuldet worden ist. Die