Beilage zur Pädagogischen Reform. Jugendschriften-Warte, Organ der vereinigten deutschen Prüfungs-Ausschüsse für Jugendschriften. Herausgegeben vom Hamburger PrüfungsausSchauß für Jugendschriften 1 V.: Herm. L. Köster, Hamburg, Weidenall6e 30. Verantwortlicher Redakteur: Heinrich Woligast, Hamburg, Ottostr. 18. Jahres-Abonnement für 12 Nummern 1,20 M. Vertrieb für den Buchhandel durch Ernst Wunderlich in Leipzig. No. 1. Januar 1903. 11. Jahrgang. Zehn Jahre. Die J.-W. tritt mit dieser Nummer in das zweite Jahrzehnt ihrer Wirk3amkeit. Ihre ärgsten Feinde gestehen wenigstens zu, daß Sie die Frage der Jugendlektüre zu einer lebhaften Er- örterung gebracht hat, und das ist doch auf jeden Fall ein Verdienst. Als Paul Ziegler, den Beschluß der vereinigten Prüfungs-Ausschüsse ausführend, 1893 die ersten Nummern der J.-W. in die Welt schickte, da Setzte das Blättchen gleich mit einem 80 kampfesfrohen Ton ein, daß an ein Einschlafen der vorher Schon 80 oft in Angriff genommenen Reformarbeit nicht mehr zu denken war. Mit den erweiterten Zielen der Aus- ScChüsge wurde auch die Erörterung in der J.-W. auf neue Ge- biete gelenkt. Zunächst wurden die Grundsätze der Kritik er- örtert und als Ergebnis darf heute die prinzipielle Verwerfung der SpezifiSchen Jugendschrift, Soweit Sie dichterischer Art ist, und die Geltung des Satzes: „Die Jugendschrift in dichte- riccher Form muß «in Kunstweik gein“ angeseben werden. Dann, Hand in Hand mit der Durchforschung der Literatur nach Stoffen, die fur die Jugend erreichbar Sind, ging man an die Herausgabe billiger, auf den Massenvertrieb berechneter Bücher, und die J.-W. hatte in der Propaganda und Verteidi- gung derselbey ein neues Feld fruchtbarer Thätigkeit gefunden. Die Schülerbibliotheken waren schon im ersten Jahrgang ein Gegenstand eifriger Fürszorge, jetzt geht der nicht oft genug zu wiederholende Mahnruf auf eine enge Verbindung der Schülerbibliothek mit dem Lehrplan und Einrichtung der Klasscn- und Massenlektüre. Über eine neben dem Gebrauch des Legvebuches hergebende Lektüre größerer Dichtungen in den ÖÜberklasSen konnte die J.-W. eine Reihe persönlicher Er- fahrungeu bringen, und die Empfehlung und Förderung der mehr und mehr an Boden gewinnenden Schülervorstellungen hing mit der Frage der Klasgenlektüre aufs engste zusammen. Der neu auftauchenden Frage der künstlerischen Erziehung glaubte die J.-W., wenn 8ie auch zunächst nur im Dienste der literariScchen Genußfähigkeit stand, gelegentliche Hinweise widmen zu Sollen, und wiederholt und nicht ohne Erfolg hat Sie die Pr.-A. als die gegebenen Mittelpunkte der neuen Be- wegung bezeichnet, Auf allen diegen Gebieten Stehen wir trotz guter Erfolge doch erst in den Anfängen. In weiten Kreisen der Lehrerschaft hat die spezifische Jugendschrift nach wie vor ihre alte Geltung.*) Nicht aus Überzeugung, gondern aus Schlendrian. Denn wäre die Ersprießlichkeit dieger Bücher pädagogische Überzeugung, So würde man den heftigen Angriffen ganz anders entgegen- getreten Seim. Die Schülerbibliothek ist vielerorts noch ein bloßes Anhängsel der Schule, und wie gering das Interesse für diese wichtige Einrichtung ist, zeigt der Umstand, daß eine Abhandlung über Einrichtung und Ausnutzung der Schüler- bibliothek, die ich vor längerer Zeit 31000 Legern der J.-W. gratis anbot, von etwa 50 gefordert wurde. Dazu kommt, daß eine kurzsichtige Politik gewisser Regierungseorgane, der Sieh eine ihrer wisgenschaftlichen Integrität nicht bewußte Päda- gogik willfährig zeigt, die Schülerbibliothek für politische Zwecke glaubt ausnutzen zu dürfen. Nachdem der vortreffliche Erlaß des preuß. Kultusministers über das Legebuch eine 80 hohe Achtung vor der Dichtung bezeugt und gefordert hat, *) Wurde doch noch der letzten Deutachen Lehrerver- Sammlung eine Schuls vorgeführt, in der ein Bibliothekskatalog mit Dutzenden von Büchern von Nieritz und Hoffmann zur Aus- wahl für die Kinder an den Wänden hing. | die Schundlilteratur zu Schützen, Steht hier nun eine Wandlung zu hoffen, die für die ganze Jugendschriſtenfrage von den weittragendsten Folgen Sein kann. Die hohen Auflagen unserer billigen Ausgaben Sind gewiß er- freulich, aber noch hat lange nicht jedes Mitglied des Deutschen Lehrervereins, geschweige jeder deutsche Lehrer einen Wald- bauernbuben oder den Pole Poppenspäler in Händen. Wann werden wir 380weit Sein. diese oder andere Schätze deutscher Dichtung in Hand und Herz jedes deutschen Kindes zu wissen! Gewiß hat aich uns eine beträchtliche Zahl von Verlegern zur Verfügung gestellt, aber, wv wir billige Bücher in die breiten Volksmassen bringen wollten, da Standen die im Buchhändler- Börsgenverein Scheinbar ausschlaggebenden Sortimenterinter- esSen im Wegs. Bis jetzt haben wir wenige Sortimenter gefunden, die uns gern und willig unterstützten. aber Sehr viele, die uns auf jede Weise entgegenzuarbeitn Suchen und den weittragenden Bildungsinteressen, um die es 5Ich hier handelt, verständnislos gegenüberstehen. Das nächste Jahrzehnt muß in dem Büchervertrieb weit- oreifendu Änderungen Sehen. Wenn der Ruchhandel auch ferner darauf verzichtet, den MasSen guten Legestoff zu bieten, SO mügsgen wir, um unsgere Arbeit vor der Verwüstung durcb neue Vertriebsweisen 1nS Leben rufen. Das wird eine unserer allerwichtigsten Aufgaben für die Zukunft sein. Das GrosSobuch und der Colportageroman müsgen überwunden werden. Man Sgollte meinen. daß das wenigstens ein mit dem Buchhande gemeinsam zu erstrebendes Zel wäre, Aber wie es Scheint, findet der Buchhändler auch dazu in Seiner Organisation nicht die Möglichkeit. -- Wenn das Kind die Schule verläßt, muß es eine kieine Anzahl Bücher lieb ge- wonnen haben; es muß gelernt haben, in und mit einem Buche zu leben. Auf dies Ziel mul; der LesSeunterricht hinarbeiten und zu dem Zweck muß die Schülerbibliotbek umgestaltet werden nach den drei Gesichtspunkten: Klassenbibliothek, Verbindung mit dem Lehrplan, Klassen- und Magsgenlektüre. -- Im nächsten Jahrzehnt müssen wir ernstlich an dem Ausbau eines Leze- plans arbeiten, nicht im Sinne eines allgemein gültigen Kanons, aber im Sinne von Aufeinanderfolgen guter Bücher, die bei ge- wisSgen geistigen Dispositionen die ersprießlichste Wirkung er- zeugen. Viel mehr, als bisher geschehen, müssen Krfahrungen im einzelnen ausgetauscht und genaue pSychologische Yor- Schungen über die Wirkung der Lektüre angestel.t werden. -- Die oberflächliche Kritik mancher pädagogischen Blätter, die wiederholt von verschiedenen Seiten gerügt worden ist, macht Sich auch in bezug auf Jugendschriften geltend. Das muß anders werden. Verständnis- ja gewissenlose Redensarten, Wie die, daß Bruno Garlepp „Sich große Verdienste um die Hebung der Jugendliteratur erworben“ habe, Sollte man nicht in einer angesehenen Schulzeitung legen, Sondern dem Wasgchzettel des Verlegers überlassen. -- Noch in einer zweiten Richtung werden wir fortan manchem Lehrerblatt und Lehrerherzen weh tun müssgen. Die Frage der Jugendzeitschriften, die bekannt- lich weist von Lehrern redigiert und z. T. Lehrerzeitungen bei- gelegt werden, muß energisch in Angriff genommen werden. Schon im ersten Jahrgang der J.-W. hat der rührige Gothaer AussSchuß den Kampf gegen die Jugendzeitschriften unter- nommen und kürzlich wieder hat er durch Seinen Vorsitzenden Ernst Linde in einer aktuellen Frage Sein wohlbegründetes Gutachten in gleichem Sinne abgegeben ; auch Georg Heydner hat Sich in Seiner vortrefflich geleiteten Freien BayrisSschen Schulzeitung dazegen erklärt. Entweder mügsen wir eine geniales Umgestaltung dieser Zeitschriften erleben, wofür ich vor