486 Christliche Gedanken über Herbart des Sündenfalls und der Erbsünde, so gerät auch das Bedürfnis, die Möglichkeit und Realität der Erlösung ins Schwanken — und damit kann ein evangelischer Christ, ja das evangelische Volk sich doch nicht zufrieden geben, wenn ihm die Gestalt des Sünderheilands verblaßt. Der deistische Gottesbegriff und die Leugnung der transcendentalen Freiheit genügen mir als Laien, das Bedenkliche dieser Begünstigung des Christentums zu konstatieren — auch abgesehen von der „Tugend" und „guten Gesinnung", wodurch ich trotz allem an Lessings reine Tugend erinnert wurde, welche er am Schluß seiner Erziehung des Menschen geschlechts dem letzteren als neues Evangelium empfiehlt. Nicht unbedenklich erscheint mir auch die Aussicht auf Abstellung konfessionellen Haders vermittelst Studiums der Begriffe der Herbart- schen Philosophie. Das Allerbedenklichste ist mir aber das Prinzip der Begünstigung als solches. Denn durch das Statuieren menschlicher Stützen (vgl. Jes. 57,13) wird die unmittelbare Siegeskraft des Glaubens am kräfügsten in Frage gestellt. Und hierin gebe ich dem alten Super intendenten recht, daß er Anstoß nimmt an der sogenannten „wissenschaft lichen" Pädagogik. Auf der andern Seite aber kann man sich gerade vom Standpunkte des evangelischen Glaubens nicht genug darüber freuen, daß Herbart an Stellen des oft mißbrauchten und überhaupt nicht unbedenklichen „üäos praecedit cognitionem (yvwaiv)“ oder einer „fides praecedit scien- tiam theologiae vel theosophiae“ lieber ein „philosophia est ut lex Mosis praecursor fidei“ aufstellt. II. Die Gegner Herbarts. Hatten uns nun die Anhänger Herbarts wissenschaftliche Pädagogik oder wissenschaftliches Christentum geboten, so empfehlen uns ihre Gegner in Berufung auf Stahl den Anbau einer christlichen Wissenschaft, einer christlichen Philosophie, und gleich ihrem Gewährs mann Gerlach erklären sie „jede Menschenweisheit, welche nicht das Geheimnis des Gottesmenschen zum Grunde ihrer Forschung legt, jetzt wie damals für leeren Betrug." Hier würde ich nun sagen: jede Menschenweisheit, jetzt wie früher, ist leerer Betrug oder Selbsttäuschung, wenn sie mehr will, als der Vorhof des Heiligen sein. — Ebensowenig wie die Menschen-Gerechtigkeit genügt, auch wenn sie nach Mosis göttlicher Gesetzgebung oder der Apostel Weisungen sich abmüht, ebenso wenig bringt es die Menschen-Weis heit zu etwas Befriedigendem —