490 Christliche Gedanken über Herbart im Namen des Evangeliums führen, auch thatsächlich mit der persönlich vertretenen Subjektivität des Glaubens durchzukämpfen, welchen das Evangelium und dessen lautere Verkünder uns lehren, und nicht mit einem Wechselbalge der Philosophie oder Moral des natürlichen Menschen unter christlichem Titel. Nachschrift. Und nun gestatten Sie mir ein Schlußwort. — Es ist mir immer mehr zur Überzeugung geworden, daß in unserer „wissenschaftlichen" Zeit der Glaube der Christenheit mehr oder minder daran krankt, daß das Christentum fast durchweg als ästhetischer, intellektualistischer oder ethischer Rationalismus aufgefaßt und dargestellt wird. Sowie der Grundzug der Kirche zu Luthers Zeit jüdische Werkgerechtigkeit und ethischer Pelagianismus war, so finden wir jetzt als durchgehenden Grundzug einen Pelagianismus oder Semipelagianismus des Intellekts. Mögen wir uns hinwenden zu den Kreisen einer mit Absicht und Be wußtsein raüonalisierenden Theologie oder zu den Theosophen und Offen barungsphilosophen, oder nehmen wir ein oder zwei orthodoxe Zeit schriften: eine der besten apologetischen Zeitschriften nennt sich selbst: Beweis des Glaubens — nach Hebräer 11, 1 eine contradictio in adjecto. In einer andern orthodoxen Zeitschrift findet man die Meinung: es gebe einen stringenten Beweis für das Dasein Gottes. Wir stehen also, ehe wir es uns versehen, auf dem Standpunkte der naiven Scholastik und des Anselmischen Bestrebens: „rationabili necessitate intellegere: esse operiere omnia illa, quae nobis fides catbolica de Christo credere praecipit.“ * * ♦ Als ich vor einigen Tagen in unserem Evangelischen Monatsblatte, Jahrgang 1883, S. 431 und 432, den dort citierten Passus von Stahl über die christliche Philosophie zu Gesichte bekam, mit der Bemerkung eines: „dagegen lasse sich wohl kaum eüvas einwenden", und als ich ebendort las: Stahl statuiere Einheit der beiden „Wissenschaften" der Theologie und Philosophie, wenn sich der Inhalt der christlichen Offenbarung, als Hypothese in der Philosophie ange nommen, in derselben durch Prüfung als richtig erweise und dann gewußt werden könne, wie dies auf dem Gebiete der Moral bereits geglückt sei: die Philosophie soll zwar die wahre Weltanschauung aus sich selbst nicht haben finden können, aber, nachdem die letztere einmal gegeben sei durch das Christentum, nehme die Philosophie den Offen