EvangcliM Schillblatt. 1. September 1870. I. Abtheilung. Abhandlungen. Der Zeichenunterricht in der Volksschule. (Von H. Clajus, Lehrer in Rohrsheim bei Halberstadt.) Zwar hat der Zeichenunterricht keinen Platz auf der ersten Linie unter den Lehrgegenständen der Volksschule, doch möchte er in vielen Fällen einer größeren Beachtung werth sein, als der er häufig gewürdigt wird. Denn, wenn es auch wichtiger ist, lesen und schreiben, als zeichnen zu können, so dürften doch nur Wenige sein, denen die gänzliche Unkunde im Zeichnen nicht oftmals unangenehme Umstände bereitete, und sei es nur bei der Signatur eines Paquetes. Daß der Zeichenunterricht im Allgemeinen diese Zürücksetzung erfahren, hat wahrscheinlich seinen Grund in der Schwierigkeit aufzufinden, was und wie in der Elementarschule, besonders von den Schülern unserer Dörfer und auch wohl der Landstädte bei der durch viele Feldarbeit erhöheten Unbeholfenheit der Hände, mit einigem Erfolg gezeichnet werden sollte und könnte. Zwar giebt es eine Menge Sammlungen von Zeichenvorlagen, die sowohl den Lehrstoff, wie auch dessen Gebrauchsanweisung geben, aber fast alle haben den Fehler, daß sie ent weder über das Ziel hinausschießen oder den Gang nicht stufenweise genug wählen. Was das zu hoch gesteckte oder falsche Ziel anbetrifft, so glaube ich das als solches bezeichnen zu können, wenn nur das Zeichnen mit Perspective und Schatten erstrebt wird. Hierzu kommt noch häufig die verkehrte Wahl der Vor lagen. Durch sogenannte malerische Anordnung, oder vielmehr Unordnung der Gegenstände auf der Zeichnung versucht man derselben einen eigenthümlichen Reiz zu geben. Es werden theilweise umgefallene Gartenstackete, schiefe Strohdächer, Mühlen mit zerbrochenen Rädern und durchlöchertem Gerinne, Ruinen und tausend andere Dinge gezeichnet, die im Zustande des Verfalls sich befinden. Ist es nun aber möglich, die Masse unserer Schüler, nicht etwa blos talentvolle Einzelne, soweit zu fördern, daß sie den etwaigen ästhetischen Grundgedanken einer solchen Zeich nung verstehen und dieselbe mit Verständniß und Geschmack nachbilden können? Jedenfalls nicht. Ist dies aber unmöglich, so gehört solches Zeichnen, welches allein das Aesthetische zum Zwecke hat, keinensalls in die Volksschule. Auch wenn es erreichbar wäre, dürfte dieser Zweck erst in dritter Linie sich geltend machen. Die Schule soll ja dem Leben dienen, und Alles, was darin geschieht, soll entweder dem Schüler eine Grundlage für weitern Unterricht, oder verwend baren Stoff für das Leben geben. Wenige Menschen bekommen aber eine Lebens stellung, in der sie das Zeichnen zum Zwecke des ästhetischen Genusses treiben können. Dagegen ist es in unserer Zeit sowohl für jeden Handwerker, als auch für den Ackersmann von Wichtigkeit, ja oft von Nothwendigkeit, bestimmte Maße und F orm en auffassen und mittels des Zeichnens selbstständig darstellen zu können. 18