Mitte September 1870. Correfpondcnzen. Aus Schleswig-Holstein im August 1870. Da ich lange geschwiegen habe, will ich mich bemühen, den verehrten Lesern dieses Blattes eine möglichst getreue Ueber sicht über die Veränderungen im hiesigen Schulwesen zu geben. Durch die Einfügung unserer Provinz in den preußischen Staat wurden auch manche Einrichtungen getroffen, die direct und indirect in unser Schulwesen eingriffen. Die Einrichtung des einjährigen Freimilligendienstes in der Armee greift tief ins Schulwesen ein, da Schulanstalten mit bestimmtem, von den Ministerien vorgeschriebenem Lehrziele berechtigt sind, ihren Abiturienten oder schon Schülern der oberen Klassen Fähigkeits- zeuguisse zum Eintritt in die Armee als einjährige Freiwillige auszustellen. Wenn auch junge Leute, die nicht aus solchen Schulanstalten ihre Bildung erlangt haben, sich einem Examen für den einj. Freiwilligendienst unterwerfen dürfen, so ist es doch bequemer und sicherer, in dm vorhandenen Schulanstalten (Gymnasien, Realschulen l. u. II. Ordnung und den höheren Bürgerschulen) sich den Berechtigungsschein zur Einjährigkeit zu erwer ben. Die dreijährige Dienstzeit, so nothwendig sie gewesen sein mag (wenigstens sehen wir in dieser glorreichen Zeit, wie tüchtig unsere Armee in allen ihren Gliedern ist), bildet doch eine Fessel für die berufliche Ausbildung der jungen Leute, und der Wunsch, sie um 2 Jahre abzukürzen, ist ein sehr natürlicher. Da es nun in Schleswig-Holstein an Realschulen und höheren Bürgerschulen mit der gesetzlich vorgeschriebenen Einrichtung fehlt, entstand überall das Sweben, die vorhandenen Real- und höheren Bürgerschulen in solche umzuwandeln oder auch solche neu zu errichten. In Schleswig, Flensburg, Haders leben, Husum und Rendsburg waren solche Schulen mit den Gymnasien verbunden, in andern Oertern, wie Sonderburg, Itzehoe, Neumünster, Kiel, Altona, Marne, Wands beck, sind entweder solche Anstalten entstanden oder in der Bildung begriffen. Noch anderswo entstanden Privatschulen mit dem bestimmt ausgesprochenen Zweck, schon die „Ein jährigkeit vorzubereiten." Auch die Ackerbauschulen, welche z. B. kt Cappeln und Plön entstanden, haben diesen Nebenzweck. Eine Gewerbeschule ist in Eckernförde entstanden und die größeren Städte des Landes, wie Altona, Kiel, Flensburg, sind für höhere Ge werbeschulen in Aussicht genommen. Wenn es auch keineswegs verkannt wird, daß durch solche Anstalten eine höhere Bildung gepflegt wird, so darf man doch nicht übersehen, daß der Besuch der Real- und höheren Bürgerschulen ein künstlich gepflegter ist. Es werden manche Elemente in diese Schulen getrieben, die besser in der sog. Volksschule aufgehoben wären. Und da es die Begüterten sind, welche ihre Kinder in diese Anstal ten senden, wird der Sinn und die Opferfreudigkeit für die Volksschule jedenfalls ver mindert. Es bleiben der Volksschule nur diejenigen Schüler, deren Eltern nur geringe Opfer für die Schule bringen können, und in solchen Städten, wo seit langer Zeit Real- und höhere Bürgerschulen existiren, wird man ziemlich allgemein die betrübende Erfahrung machen, daß die Volksschule sehr stiefmütterlich behandelt, wird, weshalb die