Beilage zum Evangelischen Schulblatt. Deutsche Schutzeitung. Mitte Oktober 1870. Correspondcnzen. Von pädagogischer Methode des Religions - Unterrichts. Der Kaiser- Joseph II. besuchte zum ersten Male die Abtei zu Mölk an der Donau, welche wegen ihrer wunderherrlichen Lage weitberühmt ist. Als ihn der Abt hindurchführte, blieb der Kaiser an einem der Fenster voll Entzücken stehen. Hier ist der schönste Punkt. es ist ein wahres Paradies. Herr Abt, Ihr seid ein beneidenswerther Mann, nur weil Ihr dieses Fenster und diesen Blick habt. Mich wundert, daß Ihr je davongehet. Hier könnte man wahrlich immer stehen und schauen und würde nicht müde werden. Der Abt verbeugte sich und schwieg. Aus dem weiteren Gange durch das Kloster kamen sie zum zweiten Male an dieses Thurmsenster. Wiederuni stand der Kaiser- minutenlang in schweigendes Schaum versunken. Auch zum dritten Mal that er auf's neue einen bewundernden Blick hinaus. Als aber der Abt ihn, mit guter Absicht, zum vierten Male an das Thurmzimmer führte und fragte, ob es Sr. Majestät gefällig wäre, noch einmal hinauszuschauen, da antwortete er etwas unwillig: Aber es ist ja schon das vierte Mal! Halten's zu Gnaden, war die Erwiederung des klugen Abtes, so geht's uns Halter auch, und es ist bei uns halt mehr, als erst das vierte Mal. — Der Mann hatte vielleicht nicht Pädagogik studirt, aber sein Verfahren war pädagogisch ganz richtig, ja es war genial und lehrreich. Seinem Kaiser geradehin zuwidersprechen, ihn zu belehren, wäre nicht schicklich gewesen, er hätte sich auch schwerlich überzeugen lassen, daß ein Abt zu Mölk wegen der schönen Aussicht doch am Ende kein durchaus beneidenswerther Mensch und glücklicher als ein Kaiser sei. Was that er? Er gab dem Kaiser die nöthige Anleitung und Hülfe, selbst das rechte Urtheil zu finden. Und zwar, da derselbe über ihn, sein inneres Leben und seine Weltanschauung sich irrig ausgesprochen, versetzte er ihn ganz einfach auf seinen Standpunkt, in seine Anschauung hinein. Goldne Regel! Wenn alle, die längst Lehrer sind, anfangm möchten, zu lernen, daß es sehr leicht ist, den Kindern seine eignen Urtheile und Gedanken einzu impfen, aber sehr schwer, jedoch vielleicht desto fruchtbarer, sie zum Selbstdmken und Selbsturthellen anzuleiten, Md sie, damit sie das können, jedesmal auf dm rechten StandpMkt zu stellen! Es dürfte dies Verfahren sich auch für die empfehlen, welche Erwachsene lehren wollm oder gar berufen sind, sie geistlich zu letten und zu erziehen. Hier ist es vielleicht umgekehrt, wie bei den Kindern. In unsrer Zeit wollen sich sehr Biele nicht mehr Andrer Urtheile, auch wenn wir ihnen versichern, daß es nicht unsre eignen, sondern die der Kirche sind und uns auf ihre ehrwürdige Autorität berufen, aufnöthigen lassen. Und versuchten wir es doch, dies zu thun und blieben dabei, so reizen wir vielleicht nur ihren Widerspruch und schrecken Manchen, der noch hätte ge wonnen werden können, von der Wahrheit ab. — Die Kernfrage in unsrer Zeit, mit deren Klarstellung allein vieler Verwirrung und Mklarem Streit auf kirchlichem Gebiet ein Ende gemacht würde, ist unsers Erachtms die: Ist bei der Verkündigung des Evangeliums, bei der Auswahl der Anordnung Md Reihmfolge der zu verkündigenden Wahrheiten nach wissenschaftlichen oder nach pädagogischen Grundsätzen zu verfahren? Wir lehren, schon in der Schule und Kinderlehre, zu viel; wir lehrm eben Alles, weil und wie es in der Dogmatik steht. Es gilt vor allem, Milch und feste Speise