sss Deutsche Schulzeitung. der Gestikulation!" so möchten wir auch hier sagen: mißtraue der Rührung! Nicht in süßen oder wehmüthigen Gefühlen schwelgen, die in unserm Innern der tiefern Wurzel entbehren, sondern ein ernstes Wollen und Ergreifen dessen, was als Wahrheit von uns erkannt worden, thut uns noth. Sentimenta lität hat man wohl jene oberflächliche Rührung des Gefühls genannt. Was ist Sentimentalität? Jemand sagt, sie bestehe in Gefühlen, die sich vor dem Verstände nicht rechtfertigen lassen. Immerhin mag diese Erklärung hinken, denn sicher giebt es auch Realitäten, hohe und wichtige, bei denen die Erklärung des Verstandes nicht ausreicht. Aber das ist gewiß, wer das menschliche Herz kennt, der wird, sei er Geistlicher oder Lehrer, im Unterricht zumal über das Heiligste, sich hüten, besonders und absichtlich auf das Gefühl zu wirken, es also nicht machen, wie der sonst so wackere und hochpoetische Pfarrer Bentz in Straßburg, welcher in verschiedenen Pensionaten Unterricht ertheilte und einmal äußerte, vor Allem suche er auf das Gefühl, auf Rührung hinzuwirken. Franz Theremin dagegen sagt in seinen trefflichen „Abendstunden" etwa so: „Wenn man zu viele Rührungen empfängt, die nichts Weiteres wirken, wissen Sie, was dann geschieht? Kommen Sie her, ich will es Ihnen in's Ohr sagen, es ist ein Geheimniß: man wird durch dieselben nicht besser, sondern schlechter!" — Es giebt ja auch nicht blos Regen, der die Erde locker und fruchtbar macht, es giebt auch solchen, der den guten Boden abschwemmt und das Erdreich verhärtet. Oder man denke an die langen Ermahnungen, die manche treue thränenreiche Mutter an einen leichtsinnigen Sohn verschwendet, der nie ohne nasse Augen dann von dannen geht, um leider gar bald das Alles wieder vergessen zu haben und aus einer Thorheit in die andere zu gerathen. Nicht jene Weichheit und Weichlichkeit thut uns noth, sondern ein kräftiger ernster Sinn und eine „robuste Tugend." Oder wollen wir uns von der Wahrheit des oben Gesagten überzeugen, folgen wir manchen Orts dem Leichenzuge zum Friedhofe. Nicht bloß die An gehörigen, bei denen es ja begreiflich und gerechtfertigt ist, weinen am Grabe, sondern, weil das so zum guten Ton und Brauch gehört, ganz Entferntstehende, und zwar oft in einer Weise, daß man bei dem Klagen und Heulen mit dem Apostel sprechen möchte: Machet kein Getümmel! Aber nach dieser Feier geht es zum Leichenessen, bei dem sich der alte Adam dafür entschädigt, daß er auf dem Kirchhofe so fromm hat sein müssen, und wo bei guter Bewirthung, die auch wieder zum Ton und Brauch gehört, Mancher rein vergessen zu haben scheint, welche Veranlassung ihn hierher geführt hat, scheint doch das Klagehaus fast hier dem Einen oder Andern ein Ort der Lust geworden zu sein, ganz wie bei jenen Klageweibern, die den Herrn und seine Weisung verlachten. Kurz, bei vielen Rührungen geht es wie bei dem Samen, der, auf's Felsige gefallen, wohl bald aufging, aber bald auch verdorrete, „darum, weil er nicht Saft hatte." Also hier nur nichts Gemachtes! Der gemüthstiefe Wandsbecker Bote Mathias Claudius ist daher der Meinung: „Wenn du die Sonne siehest aufgehen, und es fällt dir nichts dabei ein, so laß sie ohne Wasser aufgehen." Doch man sagt mit Recht: die Zeit der Gefühlsschwärmerei, der Idyllen und Schäfergedichte, des gekrönten Blumenordens und dergleichen Tändeleien ist vorüber; was aber im Großen und Ganzen richtig ist, ist es deshalb noch nicht bei dem Einzelnen. Unsere Zeit legt offenbar auf den Verstand, das Begriffliche, die Erkenntniß zu einseitigen Werth, und nicht ganz mit Unrecht schrieb ein