Beilage zum evangelischen Schulblatt. Mitte Februar 1880. Die Einweihungsfeier des neuen Seminar-Gebäudes zu Wolsenbüttel am 9. Oktober 1879. Die Seminare sind eine Schöpfung der Neuzeit; für sie war vor 200 Jahren so gut wie nichts geschehen. — Der edle Schul-Reformator Ernst von Gotha erkannte, daß für Lehrerbildung besondere Anstalten zu schaffen seien, weshalb er in seinem Testament 1675 seinem Nachfolger warm ans Herz legte, eine Vorbereitungs-Anstalt für Lehrer zu gründen. — Den Gedanken führte ein treuer Gothaer Zögling, Aug. Herm. Francke, aus, indem er in Halle ein seminarium praeceptorum und ein seminarium selectum schuf. Friedrich Wilhelm I., „der Vater des preußischen Unterrichtswesens", fühlte tief, daß für Lehrer-Vorbildung viel geschehen müsse. Er wandte sich an Francke um tüchtige Lehrer, unterstützte die Stiftung des Predigers Schienmeyer in Stettin zur Bildung der Lehrer, empfahl auch den Pröpsten und Superintendenten, Lehrer vorzubilden. — Die eigentliche Entstehung der Seminare gehört jedoch erst der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts an. 1748 gründete der Verfasser des „Ge- neral-Land-Schul-Reglement", Consistorialrath Hecker, in Berlin das erste Se minar. Drei Jahr später legte Kaufmann Böttcher in Hannover den Grund zum dortigen Seminar. Inzwischen hatte schon 1747 der Oberhofprediger Hassel dem braunschwei gischen Herzog Carl I. in einem „unterthänigsten Promemoria" die Gründung eines „Seminars für Dorfschulen" in Vorschlag gebracht. Diesem geistvollen Fürsten, der sich durch Stiftung der polytechnischen Schule zu Braunschweig, durch Wiederbelebung der Universität in Helmstedt und durch die zweite Begrün dung der Wolfenbüttler Bibliothek verdient gemacht hat, leuchtete der Gedanke ein, aber das Consistorium antwortete erst nach drei Jahren im — Ganzen ablehnend. Doch dem Herzog war es Ernst, und am 1. Oktober 1753 erging die Stif tungsurkunde, die zugleich die ganze Einrichtung der Anstalt vorschrieb. Der Herzog bekundete weiteres Interesse an seiner Schöpfung dadurch, daß er sich jährlich genauen Bericht über die Fortschritte der Seminaristen u. dergl. er statten ließ. — Im Waisenhause zu Wolfenbüttel waren bislang die Unterrichts lokale, die schließlich den bescheidensten Forderungen nicht mehr genügten. Mit größter Freude wurde daher von der braunschweigischen Lehrerwelt der Tag begrüßt, an welchem das neue, in geschmackvollem Stil erbaute und mit zweck mäßigster Ausstattung versehene Seminar-Gebäude eingeweiht wurde. 5