6 Anfang März 1880. I. Abteilung. Abhandlungen. Zum Verständnisse der Sprache Luthers in seiner Bibel übersetzung. (Vortrag von Seminar-Direktor Dr. W. Jütting, gehalten im Gustav-Adolf-Verein zu Erfurt.) Der Verein, dessen ferner gesegnete Wirksamkeit wir durch unsere Vorträge unterstützen wollen, weist uns zwar zunächst in seinem Namen auf einen großen Mann hin, der vor drittehalb hundert Jahren für die gemeinsame Sache der ganzen evangelischen Christenheit in einem höchst kritischen Momente sein Volk und die eigene Ehre und das Leben zu ewigem Ruhm wagte. Allein dieser außerordentliche König, weilte er noch unter uns, würde doch ohne Zweifel die wohlverdiente Ehre, den evangelischen Verein nach seinem Namen benannt zu sehen, bescheiden abgelehnt und auf einen Größeren hingewiesen haben, der ein Jahr hundert vor ihm den Grund zu dem herrlichen Bau gelegt hatte, ein Bau, welcher in dem Schlachtengetöse und den Greueln des 30jährigen Krieges in höchster Gefahr stand zu Grunde zu gehen. Und auch unser Verein, dessen Aus gabe es ist, die von Luther begründete Reformation der Kirche sowohl unter Evangelischen in Ehren zu halten, als sie in den Gegenden mit gemischter Be völkerung vor den fort und fort dagegen ankämpfenden Feinden zu schützen und zu erhalten, hat darum stets Anlaß, das Bild des großen Reformators nachwachsenden Geschlechtern in seiner wunderbaren Vielseitigkeit und Herrlichkeit vor Augen zu führen. Gewiß würden Sie alle, meine hochgeschätzten Zuhörer, als Freunde und Glieder der evangelischen Kirche, es schmerzlich beklagen, wenn das in gewissen Kreisen sich längst bemerkbar machende Streben von Erfolg wäre, aus ängstlicher Scheu vor Verletzung Andersgläubiger den Religions- und Geschichtsunterricht so färb- und charakterlos zu gestalten, daß von Luthers mächtiger Persönlichkeit wie von seinem Werke kaum etwas anderes noch Anerkennung verdiente, als seine Meisterschaft in der Handhabung der Sprache und der von ihm ausgegangene Einfluß auf die Gestaltung unserer Schriftsprache in der neuhochdeutschen Pe riode. Auch ich halte die Konfessionslosigkeit des Religions- und sogar des Ge schichtsunterrichts nicht allein aus religiösen, sondern auch aus pädagogischen und