162 I. Abteilung. Abhandlungen. als junger schüchterner Mann einen Blick in die ev. Schule Münchens zu thun, um von den Collegen dort zu lernen. Die wenigen Vormittage, die er damals zuhörend und probierend in jenen Räumen verweilen konnte, und die drei vier Abende, welche er mit Vater Güll und einigen gleichgesinnten Kollegen, die jetzt auch alle schon heimgegangen sind, verlebte, haben in ihm so lebhafte Erinnerungen zurückgelassen, wie nicht leicht eine andere Begegnung in seinem Leben. Doch nicht davon sollten diese Zeilen handeln, sondern dem Wunsche des Herausgebers zu entsprechen, will ich im Nachstehenden das bieten, was mir von Veröffentlichungen aus näherstehender Hand und aus einem im Jahr 1868 bereits abgefaßten Bruch stück einer Selbstbiographie geeignet scheint, um dem sel. Güll auch in diesen Blättern einen Denkstein zu setzen. Nur in kurzen Zügen soll dieser Zusammenstellung der äußere Lebensgang voranstehen. Friedrich Güll wurde am 1. April 1812 in Ansbach geboren. Seinen leiblichen Vater verlor er schon, als er l x /2 Jahre alt war, erhielt aber dafür in seinem Stiefvater reichen Ersatz. Die frühzeitig eintretende Kränklichkeit und Armut desselben verstattete ihm aber leider eine höhere Ausbildung nicht und ließ ihm nach seiner Konfirmation nur die Wahl zwischen dem Beruf eines Buchbinders oder Schullehrers. In den Jahren 1826—1829 war er „Schullehrling"; einer seiner Vorbereitungslehrer war der als Musiker und Dichter geschätzte Lehrer Scheuerlin. Vom Jahr 1829—31 besuchte er das Seminar Altdorf, und darauf betrat der noch nicht 20jährige junge Mann die sorgen- und arbeitsreiche Laufbahn eines bayr. Volksschullehrers auf ihrer untersten Sproffe als „Abstand" in, Flachs landen bei Ansbach. Er war ein begabter Jüngling, von dessen Arbeit an der Kinderwelt man etwas schönes erwarten durste. Zuerst diente er als „Schulknecht", wie ihn die Bauern nannten, und unterrichtete die Dorfjugend zu Flachslanden. Dann schickte man ihn in seine Vaterstadt in die Armenschule; und von Ansbach kam er Ende der 40er Jahre in die Hauptstadt des Bayerlandes, nach München. Da hat er denn an der evangelischen Schule treulich und im Segen gearbeitet. Eine auch äußerlich schöne Erscheinung, gewann er durch seine Milde und Freundlichkeit alle Herzen. Die höchsten Staatsbeamten wie die geringsten Tagelöhner schätzten es als ein besonderes Glück, ihre Kinder bei „Güll" in der Klasse zu haben. Bei der ersten „Inskription" vermehrte sich die Klasse Gülls von 75 auf 120 Schüler. Die ev. Volksschule Münchens hatte dazumal mancherlei Eigentümlichkeiten, die hier aufzuzählen nicht meine Absicht ist, aber auch Vorzüge, welche ich nur mit einem Ausspruch des sel. Güll hier belegen will. Als die Stadt München an fing, durch Berufung eines weltlichen Schulrats (dessen Schulstatut gleichsam eine „neue Aera" für die Schulen Bayerns einleitete und einläutete) zu beweisen, daß