208 III. Abteilung. Literarischer Wegweiser. tümlich sei, wie das Vorwort behauptet, müssen wir entschieden bestreiten. Wir können es nicht für unsere Auf gabe halten, hier eine eingehende Kritik dieses vielbesprochenen und vielbelobten Liedes zu geben; es würde das auf eine umfangreiche Abhandlung über die Frage: „Was ist volkstümlich?" hinauslaufen; wir müssen uns darauf beschränken, ein paar Andeutungen über diese Frage, über die noch viel Unklarheit herrscht, zu geben. 1. Nicht die rasche, sondern die dauernde Allgemeinheit ist das Kri terium der Ächtheit und des Wertes eines Volksliedes, wie auch eines jeden Kunstwerkes. 2. Es ist nicht volkstümlich, ab sichtlich Sprachschnitzer zu machen, wie das unser Lied thut. Wortwitze sind noch kein deutscher Humor, der überdies nie etwas absichtlich Gemachtes ist, son dern aus der poetischen Ader ungewollt und unbewußt hervorquillt, wie wir dies bei Hebel, M. Claudius u. A. sehen. 3. Das Lied „König Wilhelm saß ganz heiter" klingt mehrfach an an das bekannte: „Prinz Eugenius, der edle Ritter" und sucht denselben Ton zu treffen. Es muß hervorgehoben werden, daß das Prinz-Eugenius Lied keine ab sichtlichen Sprachschnitzer bringt, son dern daß der Dichter in großem Ernste so gut erzählt, als er eben kann. „Bru cken", „rucken", „kunt" und dgl. sind keine absichtlichen Sprachschnitzer zu et waiger Belustigung der Leser oder Sän ger, sondern diese Ausdrucksweise ist im österreichischen Dialekte begründet. 4. Unserm Volke ist eine Darstellungs- form, die es absichtlich darauf anlegt, seine kindliche, naive Ausdrucksweise nach zuahmen, unschmackhaft und kann auf die Dauer nicht befriedigen, wenn sie eben nicht im Inhalte ihre volle Berechti gung hat; und endlich 5. Man sollte Ausdrücke, wie: „Haut Ihm, daß die Lappen fliegen!" oder: "Fritz, geh hin und haue Ihm!" welche die Absichtlichkeit von Sprachschnitzern zu sehr an der Stirn tragen, nicht einem Könige in den Mund legen. Ein Gleiches gilt von den Versen: „Nein mit Fäusten, mit Millionen, Prügelt es auf die Cujonen, Auf das ganze Lumpenpack"; Oder: „Haut Ihm, daß die Lappen fliegen, Daß sie all' die Kränke kriegen In das klappernde Gebein!" — Das Lied enthält einige, ja sogar mehrere Stellen von wirklich gutem Humor; und man kann sich denken, daß der Vers., wenn er sich bewußt gewesen wäre, worauf es ankam, d. h. was recht und was falsch volkstümlich ist, und wenn er sich Mühe gegeben hätte, ein wirklich gutes Lied hätte machen können. Er hat's eben aus dem Einfall heraus geworfen und seinem Sohne und dessen Kameraden ein Vergnügen damit machen wollen. Daß man es aber zu einem unsterblichen Liede, eben so unsterblich, wie jenes vom Prinzen Eugenius, „voll innigen, tiefen Gemüths, keckem, geist reichem Humor u. s. w." stempeln will, daran ist der Verf. unschuldig. Gegen ihn also, der gewiß ein Ehrenmann, polemisiren wir nicht. So wie es jetzt ist, ist das Gedicht, von einzelnen Stellen abgesehen, kein gutes, volkstümliches Gedicht. — Die Brauchbarkeit des billigen Büch leins soll durch diese beiläufigen Bemer kungen nicht angetastet werden. M. Z.