210 Deutsche Schulzeitung. könnte daran gedacht werden, den Entwickelungsgang der deutschen Pädagogik während dieser überaus wichtigen und reichen Zeit in einer kurzen Uebersicht dar zulegen. Doch möchte eine solche Uebersicht einerseits zu dürftig und kahl aus fallen müssen, andrerseits doch zu sehr in Einzelfragen der pädagogischen Wissen schaft und Kunst führen, mit welchen heut unsre verehrten Gäste zu behelligen nicht erlaubt ist. Allerdings liegen ja die Fragen um das Wohl und Wehe der Schule und um die Bedeutung und den Einfluß derselben nicht bloß den Schul männern von Beruf, sondern allen nahe, die überhaupt ein Herz haben für das Gedeihen des Volks- und Familienlebens, für die Jugend unsres Volkes. Mag hin und wieder der Einfluß der Schule auf das Leben, nicht zum Vorteil für Lehrer und Schüler, überschätzt worden sein; muß auch zugestanden werden, daß der Einfluß des Lebens auf die Schule ein weit größerer ist als der der Schule auf das Leben: so viel steht doch fest, daß auch der Einfluß der Schule auf das Leben, und bei uns in Deutschland in noch höherem Grade als bei andern Völkern, ein überaus großer ist, sowohl durch das, was die Schule an der Jugend und durch sie für die kommenden Geschlechter und Zeilen wirkt, als auch durch die Anregungen, welche im Zusammenhange mit den pädagogischen Bestrebungen und auf Anlaß derselben für die verschiedensten Kreise des Volks lebens gegeben werden. So sei es mir denn gestattet, vor ihnen zu reden von der Frage: Welche Züge in der Gestaltung der deutschen Volks schule während derletzten hundertJahre sind vonBedeutung für das gesamte Geistesleben unsres Volkes? Ich enthalte mich billig, meine Blicke weiter schweifen zu lassen über die Grenzen der Volksschule hinaus auf das Gebiet der Gymnasien und Realschulen, oder gar der verschiedenen Arten von Fachschulen. Doch bin ich mir wohl bewußt, daß es dieselben Grund gedanken sind, welche von den allgemeinen Richtungen und Bedürfnissen des Volkslebens aus in allen Schulen, wenn auch in jeder Art von Schulen in be sondrer Weise, ihre Ausgestaltung suchen; und sie haben diese Ausgestaltung durch die Arbeit gelehrter und hochgebildeter Männer in der Theorie und Praxis der gelehrten Schulen nicht minder entweder bereits gewonnen oder ringen sie zu ge winnen, als dies auf dem Gebiete der Volksschule in engeren Grenzen des Wissens und Könnens geschehen ist und noch geschieht/ Und wenn ich, der Be- deutung dieses Tages entsprechend, mich mit meinen Betrachtungen auf die letzten hundert Jahre beschränke, so thue ich das nicht, als wähnte ich, erst diese Zeit hätte der Schule das Bewußtsein über ihre Aufgabe und über die Mittel zur Erfüllung derselben gebracht. Lehrt uns doch ein auch nur flüchtiger Rückblick in die Geschichte der Pädagogik Deutschlands, wie Vieles und Großes wir darin einem Luther und Melanchthon, einem Amos Comenius und Ernst dem Frommen, und vor allen dem großen Pädagogen der That, der sich aber auch auf die Theorie gründlich verstand, dem