I. Abteilung. Abhandlungen. Die pädagogischen Bestrebungen der Eigne de l’Enseig- nement in Belgien. (Von Seminarlehrer G. in D.) Das kleine Königreich Belgien ist durch die zur Zeit hochgehenden Wogen des dortigen Kulturkampfes Gegenstand der Tagesliteratur geworden und pro voziert namentlich das Interesse der pädagogischen Welt, weil die Kämpfenden, in eine liberale und eine klerikale Partei sich scheidend, die Leitung des Volks unterrichts als Preis des Sieges bezeichnen. Kaum ist ein Kampf um den Besitz der Schule mit so viel Heftigkeit geführt worden, als es in Belgien der Fall gewesen ist und noch jetzt geschieht, und wenn nun die liberale Partei allem Anschein noch den Sieg errungen hat, so ist sie wohl würdig — mögen wir ihr beistimmen oder nicht — in ihren pädagogischen Bestrebungen einer nähern Be trachtung unterzogen zu werden. Der Parteikampf wogt in Belgien nicht erst seit Kurzem, ist auch nicht als das Echo des in Deutschland geführten Kulturkampfes anzusehen, sondern reicht hinauf bis in die Jugendzeit des belgischen Königreichs. Vielleicht in keinem Lande hat die Frage über die Leitung des öffentlichen Unterrichts eine so hohe politische Bedeutung erlangt, als in Belgien; denn seit 1815 dreht sich die ganze belgische Geschichte um diese Frage. Die holländische Regierung hatte das Gesetz der batavischen Republik vom 3. April 1806, nach welchem der Religionsunterricht von den Elementarschulen ausgeschlossen sein sollte, auch für Belgien geltend gemacht, was zur Folge hatte, daß die Geistlichen der verschiedenen Konfessionen den Religionsunterricht zu Hause oder in der Kirche erteilen mußten und somit keinen Anteil hatten an der Lei tung des öffentlichen Unterrichts, welche ausschließlich Staatsangelegenheit blieb. Ohne Genehmigung des Staats durften keine Schulen gegründet, keine Lehrer geprüft und angestellt werden. Als aber in dem katholischen Belgien der Jesuitismus mehr und mehr Wurzel schlug, fühlte sich der Klerus schon in den zwanziger Jahren stark genug, den Kampf wegen Leitung des Unterrichts mit dem Staate aufzunehmen. Es gelang dieser Partei, die holländische Regierung bei dem belgischen Volke in Mißkredit zu 26