Mär) 1893. I. Abteilung. Abhandlungen. Die Schrift und der Schreibunterricht. Von K. Brauckmann. Die so eifrig erörterte Frage nach der rechten Schriftlage hat die allgemeine Aufmerksamkeit auf ein Unterrichtsfach gelenkt, das bis heute im Lehrplan der Schule eine Sonderstellung einnahm, insofern, als man über das wahre Wesen und die richtige Gestaltung der Schrift bis heute ebensowenig zu einer einheitlichen Anschauung, wie für den Betrieb dieses Unterrichts zu allgemeiu anerkannten Normen gelangen konnte. Gewinnung einer klaren Anschauung und denkende Verarbeitung konnten da natürlich auch im Unterrichte nicht zu ihrem Rechte kommen und daß man das hier Versäumte nicht durch Anwendung und Übung einzuholen vermochte, hat der Erfolg gelehrt. (S. w. u.) Die vielen Klagen über „schlechte Handschriften" selbst bei Männern, die bis zum 20. Lebensjahre Schreibunterricht genossen, zeigen am besten, daß „in diesem Fache etwas nicht in Ordnung ist." Im folgenden wollen wir uns zunächst mit der auf unserm Gebiet schwebenden Tagesfrage abfinden, um sodann aus dem Begriff der Zweckmäßigkeit heraus die Richtungen aufzuzeigen, nach welchen eine Reform unserer Schrift und unseres Schreibunterrichts not thut. I. Wenn einmal eine die Schule betreffende Frage andere als die zünftigen Kreise in den Bannkreis ihres Interesses zieht, so vermutet der denkeude Schul mann meist ganz richtig, daß die Anregung dazu von anderer als pädagogischer Seite ausgegangen ist. Diesmal haben die Mediziner den Anstoß gegeben. Seitdem diese in den letzten Jahrzehnten sich darauf besounen haben, daß ihre Hauptaufgabe auf dem Gebiete der Prophylaxe (der vorbeugendeu Maßregeln) liege, ist die Hygiene wieder ein wichtiger Zweig der medizinischen Wissenschaft geworden. So hat sich auch die Schulstube den Ärzten geöffnet und mit Erstaunen haben wir es wahrnehmen müssen, was alles im Namen der Erziehung und geistigen Ausbildung an Körper und Geist des Kindes gesündigt wird. Alle himmelschreieiiden Thaten der alten Stockschulmeister verschwinden vor dem Schaden, den der moderne pädagogisch geschulte Lehrer angerichtet haben soll. Nennt uns doch der Hygieniker eine ganze Reihe eigentlicher Schulkrankheiten: Ernährungsstörungen, Kopfschmerz und Nasenbluten, Verkrümmung der Wirbelsäule (Skoliose) und Kurz- 7