Die jüngste ostpreußische Provinzial-Lehrerversammlung. 311 Der erste Versammlungstag war vorzugsweise den Referaten und Be ratungen der „Delegierten", der Vertreter von 69 Provinzial - Zweig vereinen und der diesen zugehörenden ca. 3500 Mitglieder gewidmet. Mit freudiger Genugthuung wurde es aufgenommen, daß in den Zweigvereinen des verflossenen Vereinsjahres 400 Sitzungen abgehalten und ebensoviele grö ßere Vorträge angehört und erörtert worden wären; sodann daß die Gesell schaft „Providentia", bei der die meisten unserer Lehrer ihr Mobiliar ver sichert haben, im Laufe des letzten Jahres an die Vereinskasse eine Provision von 14 995 Mark gezahlt hat, die den Wohlthätigkeitskassen zugewiesen worden. Es sind diese 1. die des Pestalozzi-Vereins; dieselbe hat im Jahre 1894 an arme Lehrer-Witwen und Waisen 5725 M. gezahlt, 2. die des Emeriten- Unterstützungsvereines, die im verflossenen Jahre ca. 3000 M. für be dürftige Emeriten gespendet hat, und 3. die „Wilhelm-Augnstastiftnng, die vor kurzem ins Leben gerufen wurde, um auch da helfend eintreten zu können, wo die vorhin genannten Vereine statutenmäßig nicht helfen können. An diese drei Wohlthätigkeitskassen zahlt der Provinzial-Lehrerverein jährlich 1100 Mark, wiewohl sie sonst noch ihre eignen Einnahmequellen haben. Einer der Delegierten erstattete sodann Bericht über die Thätigkeit der „Rechtsschutz-Kommission", die seit Jahren bemüht ist, denjenigen Lehrern, welche in Straf- oder Civilprozesse verwickelt sind, die erforderlichen Gerichtskosten zu erstatten. Ein Gast, Lehrer Schröder aus Magdeburg, der Vertreter des ge schäftsführenden Ausschusses vom Preußischen Landes-Lehrerverein, überbrachte Grüße seines Vereines und teilte mit, daß dieser bei der Königl. Staatsregierung vor stellig geworden: I. um Vereinfachung unserer deutschen Rechtschreibung, 2. um energischere Anwendung der gesetzlichen Mittel gegen die verwahrlosten Kinder, so wie um Verlegung der Strafmündigkeit vom 12. aufs 14. Lebensjahr, 3. über die Einführung der einjährigen Dienstzeit auch für die Volksschullehrer und endlich 4. über Ausbesserung der Gehälter der letztern bezm. um Vorlegung eines Dota- tionsgesetzes. Die betreffenden Ressortminister seien bereitwillig auf die Wünsche der Petenten eingegangen. Es sei nun Sache der Lehrer, die Entschlüsse der Staatsregierung abzuwarten, aber ihr Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren, sondern bedächtig und beharrlich dasselbe so lange zu verfolgen, bis es erreicht sei. An den beiden Hauptversammlungs-Tagen kamen fünf meist sehr sorgfältig ausgearbeitete Vorträge zur Beratung, deren „Leitsätze" nach mehr oder weniger eingehenden Debatten angenommen wurden. Das Thema des ersten Vortrages (Res. Lehrer Wagn er-Allenstein) lautete: „Die Umgestaltung der Bildungsziele der Volksschule nach den Forderungen der Gegenwart." Folgende Leitsätze wurden angenommen: Das allgemeine Ziel der Volksschularbeit ist die Entwicklung und Ausbildung aller dem Schüler von Gott verliehenen Anlagen und Kräfte nach der Richtung hi», in ihm einen sittlich-religiösen Charakter anzubahnen, ihm die für das bürger liche Leben notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten zuzueignen und ihn körperlich zu stählen. Als allgemein anerkannte, feststehende Norm erleidet es keine Ver änderung. 2. Doch bedürfen die besondern dem allgemeinen untergeordneten Ziele einer Umgestaltung und Ergänzung nach den Forderungen der Gegenwart. 3. Solche — größtenteils noch unerfüllte — Forderungen der heutigen Kultur- gesellschaft an ihre Glieder sind: a) Sie sollen mehr von Gemeinstnn und