Zur Psychologie des lyrischen Genusses. 149 Ich bin ein Kind und mit dem Spiele Der heitern Natur vergnügt. In ihre ruhigen Gefühle Ist ganz die Seele eingewiegt. Nur wer selbst die feierliche Stille und Einsamkeit eines Sonntagmorgens auf dem Felde kennt, wer dazu ein stark entwickeltes religiöses Gefühl hat, deshalb tiefer Gebetsstimmung fähig ist und die Weihe wahrer gemeinsamer Andacht gekostet hat, nur in desien Seele werden die tiefe religiöse Stimmung und das „süße Graun" aus des „Schäfers Sonntagslied" überströmen. An einige Gedichte von Hebbel, wie „Nachtgefühl", „Herbstgefühl", „Morgen und Abend" will ich nur erinnern. Wer etwa das Meer oder die Heide nicht kennt, wird Gedichte, die sich auf die Anschauung derselben und ihrer Schönheiten gründen, nur in schwachem Maße nachfühlen können. Man kann also behaupten: Je ärmer der für ein vorliegendes Gedicht in Betracht kommende Erfahrungsvorrat sowohl an Vorstellungen wie an Gefühlen ist, desto dürftiger werden auch Phantasieanschauung und Stimmung. Der geniale Dichter wird natürlich durch die Anschaulichkeit, mit der er sein Ge schautes darstellt, manche Hindernisse, die ihm den Weg zum Herzen des Hörers versperren, überwinden. Aber von den psychologischen Gesetzen, denen auch die Empfänglichkeit für ein Gedicht unterworfen ist, kann er ihn nicht lösen. Wir haben die bisherige Untersuchung fast nur durch Naturlieder illustriert. Natürlich gilt aber dasselbe für die Auffassung der Gedichte, die aus dem Menschenleben geschöpft sind. Je reicher uns die verwandten Vorstellungen zu strömen , desto tiefer ist der Eindruck. Liegt dem Gedicht ein Erlebnis zu Grunde, das wir durch kein ähnliches erfaffend verstehn können, so wird der Wiederhall in unserm Herzen nicht stark sein. Welcher Fülle an Lebenserfahrung, welcher schmerzen- aber auch freudenreichen Vergangenheit bedarf es nicht zum rechten Genusse von Goethes „An den Mond" oder der „Nachtlieder"? In manchem Menschen werden diese und ähnlich tiefe Gedichte fast nichts als ein flaches Wohlgefallen an den sprachlichen Schönheiten erzeugen. Er wird nicht aus der klaren Quelle der Poesie trinken können, sondern nur ihr melodisches Rauschen hören. Aus den vorhergehenden Ausführungen ergiebt sich, daß manche Gedichte in ihrer vollen Wirkung von Haus aus auf einen engern Hörerkreis beschränkt sind; z. B. solche, die die Gefühle einer Mutter und überhaupt eines be stimmten Geschlechtes zum Ausdruck bringen. Die überragende Phantasiekraft des Dichters aber offenbart sich hier, indem er energischer und tiefer als der Durchschnittsmensch sich in einen fremden Seelenzustand versenken kann und ver möge seiner reichern Ausdrucksfähigkeil zu dessen Sprecher wird, so wenn ein