478 :: Bücherschau. irrig bekannt sein (vgl. Cassirers Buch „Sub stanzbegriff und Funktionsbegriff", Berlin 1910); eine einfache mathematische Gleichung, z. B. die Polargleichung der Kegelschnitte, genügt, um die Unrichtigkeit der Regel klar zu machen. Was die ganze Auffassung der Psychologie durch Lay angeht, io scheidet er mir nicht reinlich genug das Psychologische von anderem ab. Das tritt z. B. in den Abschnitten über die ästhetischen, ethischen, religiösen Gefühle hervor. An einer Stelle versteht er überhaupt die Aufgabe der Psycho logie nicht. Wo er an die psychologische Untersuchung des Denkens kommt (S. 117), da schreibt er einfach: „§ 17. Der Verstand. Näheres unter 8. Logik" und fährt fort: „§ 18. Die Gefühle". Er stellt also die Logik ohne weiteres als einen Teil der Psychologie ein, und das ist um so verwunderlicher, als die letzten Jahre psychologischer Forschung gerade über dieses Problem einige Klarheit gebracht haben. Ruttmanns Buch (3) ist in der Anlage eigenartig. Es setzt die allerersten Kenntnisse in der Psychologie' voraus und behandelt die Normalpsychologie des Erwachsenen ziemlich kurz. .Dabei wird aber überall in eigenen Abschnitten auf das Entwicklungspsychologische und das Pathologische eingegangen, um eine Grundlage für die Darstellung der Jndivi- dualforschung zu haben. Die differentielle Psychologie — Ruttmann nennt sie Jndi- vidualforschung — nimmt mit den beiden Abschnitten „Die Individualität" und „Die Geschlechter" die zweite Hälfte des Buches ein. Zuletzt folgt „anhangsweise" ein Ab schnitt über Sozialpshchologie. Das Buch ist verdienstlich durch seine zusammenfassende Darstellung der differentiellen Psychologie und ihrer Grundlagen. Es bringt nichts Neues. In der allgemeinen Psychologie lehnt es sich zu sehr an Lehmann an. Es zeigt aber mehr Verständnis für die modernen Pro bleme der Psychologie als das Lays. Wieder mehr aufs Pädagogisch-Praktische zugeschnitten ist das Buch von Zühlsdorff (4). Am Schlüsse jedes Kapitels sind die Haupt ergebnisse zusammengefaßt und dann folgt die pädagogische Nutzanwendung. Die Summe dieser Nutzanwendungen wird wohl die Hälfte des Buches ausmachen. Manches darunter erscheint mir selbstverständlich oder zu all gemein oder ohne hinreichende psychologische Begründung im Vorhergehenden, anderes wieder praktisch, vernünftig und gesund. Psychologisch betrachtet ist das Buch populärer als das von Ruttmann, vermengt Psychologie mit normativen Wissenschaften und kennt die moderne Psychologie nicht so gut (vgl. vor allem den Abschnitt über das Denken) — und daran kann auch das völlig überflüssige Vor wort eines kgl. Regierungsrates nichts ändern. Ziehen wir die Summe, so lautet das Ergebnis nicht gerade günstig. Ich glaube, daß ich die brauchbaren und dankenswerten Seiten der Bücher genugsam anerkannt habe. Faßt man sie aber lediglich als Einführungen in die Psychologie für Lehrer, dann fragt man sich vergeblich, wozu diese Bücher, die doch in jener Hinsicht nur aus zwölf ein Dreizehntes machen, eigentlich geschrieben sind — da wir doch so manche gute wissen schaftliche und originale Einführung in die Psychologie besitzen. Das psychologische Inter esse der Lehrer ist ja sicherlich ^etwas sehr Schönes. Aber es wäre gut, wenn es sich mehr in Forschungsarbeiten betätigte und die zusammenfassenden Darstellungen solchen überließe, die dadurch wirklich etwas Neues sagen können. vi-.Alohs Müller, Röttgen b. Bonn. Rubner, vr. Max, Wandlungen in der Volksernährung. Leipzig, Akademische Verlagsgesellschaft. 1913. 136 Seiten. Brosch. Mk. 7; geb. Mk. 7,60. Bis heute kann von einem wirklichen Studium der Ernährung der großen Masse der Bevölkerung kaum die Rede sein; es macht sich ein offenkundiger Mangel an objektiv gesichertem Wissen in bezug auf die Volksernährung immer mehr bemerkbar. In recht interessanter Weise legt Rubner kurz historisch den Entwicklungsgang der Lehre von dem Nahrungsbedarf der Menschen dar und nennt im Anschlüsse daran die Be denken, die man vom Standpunkt der Physio logie wider die rein statistischen Erhebungen des Haushaltungs-Budgets geltend macht. Recht beachtenswert ist Kapitel 14, in dem Rubner zeigt, daß oft die sozialen Umstände, die zur augenblicklichen schlechten Ernährung führen, nicht in der Unmöglichkeit begründet sind, genügend Nahrungsmittel zu erhalten, und daß nicht selten die Ursache überhaupt nicht auf ernährungsphysiologischem Gebiete liegt. Mittel zur Verbesserung der Volks ernährung erblickt Rubner in: Verbesserung des Einkommens, Verbilligung der Waren durch Erniedrigung der Zölle, Beseitigung des Zwischenhandels und der Trustwirkungen, Vertrieb durch Konsumvereine, Gründung billiger Speise-Anstalten für Arbeiter, die fern ihrer Wohnungen beschäftigt sind, Be kämpfung des Alkoholismus und Verwendung des dadurch erzielten Geldes für eine ge ordnete Ernährung, verbesserten Wohnungs verhältnissen, verbesserter Erziehung der Frau zum Hausfrauenberufe, zweckmäßiger Zu sammensetzung der einzelnen Nahrungsstoffe, Einführung des Haushaltungs-Unterrichtes und der hygienischen Belehrungen in den Volksschulen, Verbesserung der Säuglings ernährung und endlich in Speisung der mangelhaft ernährten schulpflichtigen Jugend und in Gründung gut geleiteter Kinderhorte. Wie durch seine früheren Arbeiten, so hat Geheimrat Professor Rubner auch in dem