Pharus XI (1920), Heft 7. 19 289 Zur Einheitsschulbewegung. Von Dl-. Lurz, München. D ie letzte zusammenfassende Darstellung der Einheitsschulbewegung im Pharus erschien im ersten Halbjahrsband 1917. Die Erörterungen zur Einheitsschulfrage gehen seitdem lustig weiter. Immer höher schwillt die Flut der Einheitsschulliteratur. Zu Beginn des Jahres 1919 zählte der hessische Gymnasialdirektor Hölk, ein skeptischer, aber ruhiger Beob achter der Bewegung — seine in Marburg bei N. G. Elwert erschienene Schrift führt den Titel „Gymnasium und Einheitsschule" — nicht weniger als 42 Einheitsschultypen, die alle mit dem Anspruch auftraten, die rich tige Einheitsschule zu sein. Wie viele in den fünf Vierteljahren seitdem neu hinzugekommen sind, kann ich zahlenmäßig nicht angeben. Immer entschiedener tönt der Ruf: „Die Einheitsschule muß kommen! Das im Artikel 146 der Reichsverfassung angekündigte Reichsschulgesetz kann nicht mehr lange hinausgeschoben werden; eine Lösung der Schulfrage muß erfolgen und sie kann nicht anders erfolgen als im Sinne der Ein heitsschule." Und mit welch kindlicher Zuversicht einerseits lockende Zu kunftsbilder entworfen werden von dem zu erhoffenden Segen der Ein heitsschule, anderseits sogar die Gründe für unseren Zusammenbruch auf das Nichtvorhandensein der Einheitsschule zurückgeführt werden! „Hätten wir die Reichseinheitsschule schon vor dem Kriege gehabt, so wäre Deutsch land niemals so tief gefallen, wie es gefallen ist," behauptet zum Bei spiel W. Lomber, einer dieser Zuversichtsvollen (a. a. O., S. 48). Immer schwerer wird es auch für solche, die der Bewegung zu folgen sich bemühen, im Bilde zu bleiben. Orientierungsschriften sind ja über holt, bis sie nur zur Veröffentlichung gelangen. Als eine solche Orien tierungsschrift sei „Die Einheitsschulbewegung" von Fock genannt; sie kann auch denen gute Dienste leisten, die Focks eigenen Vorschlägen nicht zu stimmen. Ferner sei verwiesen auf Oskar Kühnhagen, „Die Einheits schule im In- und Auslande. Kritik und Aufbau." Gotha, 1919. VIII, 168 Seiten. Nach wie vor gehen in der Einheitsschulbewegung verschiedene Strö mungen und Bewegungen nebeneinander her bezw. ineinander über. Während z. B. W. Stern die Idee der Differenzierung nach Begabungs arten und Graden als ein notwendiges Korrelat zum Einheitsschul gedanken betrachtet (a. a. O., S. VII), klagt Schwartz (a. a. O., S. 7), daß bei den jetzigen Erörterungen über die Einheitsschule dieses Problem mit dem der Begabtenschule irrtümlicherweise verbunden oder verwechselt werde; Einheitsschule und Begabtenschule seien zwei grundverschiedene