Volksſchule und Elternhaus, ' Von A. WMemann. 'In jedes Menſchen Bruſt wohnt die Sehnſucht, bald ſ<lummernd und ſchwach, bald treibend und drängend als kräftiger Antrieb zu fröhlichem oder auch ringendem, ſuchenden Thun. Es iſt die Sehnſucht nach einer vollkfommeneren, höheren Daſeinsform; es iſt der Trieb, die Körper- und Geiſteskräſte einzuſehen, um die gegebenen Verhältniſſe in dieſem Sinne umzugeſtalten, der Drang, Schöpfer zu ſein in der kleinen eigenen Welt. Mit der Jugend geht vielen dieſes köſtliche Erbteil einer Überirdiſchen Heimat verloren; doch giebt es Menſchen, deren Herz jung bleibt, ſelbſt wenn ein ergrauender, wägender Kopf ſeine ſchnellen Impulſe leitet. Wenigen iſt es gegeben, ſic) in dieſem Sinne ausleben zu können, da3 ganz zu werden, wozu uns die ewige Liebe ſchuf; denn bei den meiſten Menſchen gehört ein ganzes Leben dazu, dies Ziel als das allein menſchen- würdige klar zu erfennen, und den Weg dazu im Geiſte zu ſchauen. Doch wer ihn geſchaut, wird nicht wieder aufhören können, dies Land der Sehn- ſucht mit der Seele zu ſuchen, wenn auch nicht mehr in der Hoffnung, ſelbſt dahin zu gelangen, ſo doc< al8 Pfſadſindex für das junge heran=- wachſende Geſchlec<ht, dem die Zukunſt gehört, und in dem unſer Stecbliches und Unſterbliches fortdauert. Dieſen Kommenden durc< eine alles Edle und Ewige in ihnen ent- wickelnde Erziehung und Bildung die Bahn zu vollendetexem Daſein zu eröffnen, ſie zu befreien von den allzu menſchlichen Trieben, die uns ab- wärts zogen, das iſt das Erlöſerwerkt, welches wir als niedergehende Ge- neration an der aufblühenden Jugend thun können. Jeder tüchtige, wertvolle Menſch kann und muß in dieſem Sinne Erzieher ſein. Unbewußt weckt die edle Natur ungezählte gute Jmpulſe in ihrer Umgebung, und abſichtslo8 löſt die kräftige Eigenart energiſches Wollen bei andern aus. Aber dieſe zufälligen, unberechenbaren Einflüſſe genügen nicht, ein Geſchlecht heranzuziehen, das ſeinen Vätern den höchſten Beweis lebendiger Dankbarkeit zu geben vermag, indem es über ſie hinaus- wächſt. Soll ein ſol<es Geſchlecht erblühen, ſo müſſen Weisheit und Liebe es planmäßig leiten; eine WeiSheit, die durc< die Jrrtümer der Vergangen- heit gewarnt, mit allen Erkenntniſſen der Gegenwart gerüſtet, mit klarem Bli die Bedürfniſſe der Jugend erkennen und die Mittel zu ihrer Be- ſriedigung finden kann; eine Liebe, die als Abglanz der himmliſchen Güte ihre Leben erwekenden Strahlen ſchöpferiſ< ausgießt. Zwei Stätten ſind es, um deren Wirken dieſe hehre Kulturaufgabe ein enges, geiſtiges Band ſchlingt. Es iſt das Elternhaus, in welchem das auflebende Bewußtſein, das erwachende Gemütsleben ihre erſte beſtim- mende Richtung empfangen. Und es iſt die Schule, in welcher dem Geiſte die ſeinem Wachstum zuträgliche Nahrung zugeführt wird. Faſt will es ſo ſcheinen, als ſei die Arbeit von Haus und Schule, Die Lehrerin. XVIII, Jahrgang. Heft 6. 16