226 Volksſ<hule und Elternhaus. obgleich ſie einem Ziele, dem Jdeal der Perſönlichkeit, zuſtrebt, eine völlig von einander unabhängige, indem das Haus die phyſiſche Ausbildung und die Willensrichtung des Kindes zu ſeiner Sorge macht, die Schule dagegen die intellektuelle Entwicklung leitet. Die Menſchenſeele jevoch iſt ſo ein- heitlich geartet, daß nichts von bleibendem Eindruck auf ſie ſein kann, das ſie nicht mit all ihren Kräften beſchäftigt und erfaßt. Erziehung ohne Unterricht wird zur Dreſſur, Unterricht ohne Erziehung zum geiſtloſen An- ſammeln von Kenntniſſen, die den Kopf füllen, um das Herz deſto ärmer zu machen. Die Schule darf daher nicht unterrichten, ohne zu erziehen, das Haus nicht erziehen, ohne zu belehren; und beider Thätigkeit muß jtet3 darauf bedacht ſein, Widerſprüche und Zwieſpalt in dex Anwendung dieſer Bildungsmittel fern zu halten, da nichts hindernder auf ein werdendes Menſc<enkind einwirkt, als ein Konflikt der Gewalten, deren Führung es ſich vertrauen3voll unterwerfen ſoll. Nur wenn Erziehung und Unterricht, die Arbeit von Schule und Haus, ſich gegenſeitig durchdringen und fördern, gleichſam in und durch einander erſtarken und Leben gewinnen, kann das Reſultat der ſo ge- jhaffſenen einheitlichen Bildung den Menſchen dem Ziel aller Sehnſucht näher bringen, nämlich dex Harmonie zwiſchen Wollen, Können und Sollen. Schon vor Jahrhunderten hat ſich den Menſchen, deren Herz für das Wohl der Jugend glühte, dieſe Wahrheit aufgethan. Luther ſpricht ſie in ſeinem „Schreiben an die Eheleute“, ferner in ſeinem „Sendſchreiben an die Bürgermeiſter und Rats8herrn aller Städte Deutſchland8“ aus. In Schul- und Kirchenordnungen des 16., 17. und 18. Jahrhundert3 wird ſie betont, und Friedrich Wilhelm 1. von Preußen giebt in einem Reglement den Eltern den Rat, „ſich mit dem Schulmeiſter über die Erziehung ihrer Kinder in Liebe zu beſprechen." Niemand aber hat ſie ſo klar erkannt, jo warm verfo<hten, als der große Apoſtel einer naturgemäßen Menſc<<hen- bildung, Peſtalozzi. Aus ihrer Erkenntni8 heraus läßt er ſeinen Jdeal- ſchulmeiſter Glüphi in der Spinnſtube des Baumwollen-Mareili und im Wohnzimmer der Gertrud das erlernen, wa8 ihm noch zu einem vollkom- menen Jugendbildner fehlte. Die Untrennbarkeit von Erziehung und Unterricht iſt jedoch nicht das einzige Moment, das Eltern und Lehrern ein Zuſammenwirken zuweiſt. Vorausſeßzung für alle Erziehung und allen Unterricht iſt offenbar Kennt- nis der in Frage kommenden Perſönlichkeit, Wenn es ſchon ſchwer iſt, den voll entwidelten, ſim durch Reden und Handlungen im Leben bes- thätigenden Menſchen richtig zu erkennen und zu beurteilen, um wie viel ſchwerer iſt das gegenüber Kindern, ivo es ſich um zarte Keime und An- lagen handelt, die der Erziehende erſt ergründen muß, ehe er ſie ent- wickeln kann. Gerade beim Kinde machen die Dunkelheiten und Wider- ſprüche menſchlichen Weſens die Erforſchung des Charakters zu einer ſchwer zu löſenden Aufgabe. Unlösbar iſt ſie für den Lehrer, der nicht8 oder zu wenig von den Einwirkungen weiß, die ſich bei ſeinen Zöglingen ſeit den erſten Tagen der Kindheit geltend gemacht haben, den tauſend kleinen, aber unendlich wichtigen Einzelheiten, die mit dem etwas verbrauchten Aus- dru>d „Milieu“ bezeichnet werden, und als deren Produkt ein gut Teil von des Kindes inneren und äußeren Menſc<en anzuſehen iſt.