Unſere Schwachen. Vortrag in einer Lehrerverſammlung von U. Zimmerli in Herbrechtingen (Württemberg). Wenn ich heute mit einem Gegenſtand komme, mit welchem Sie in der Schule genug geplagt ſind, fo geſchieht es de8halb, weil mich eigene und fremde Not dazu treibt. Es kommt mir vor, die Zahl der S<hwach- begabten in unſerer Anſtaltsſchule mehre ſicß von Jahr zu Jahr, und ich habe auc< von anderer Seite ſchon ähnlich ſprechen hören. Unter dieſen Schwachbegabten meine ich nicht den ganzen Schwanz in unſern Klaſſen, ſondern ich verſtehe darunter nur das Schwänzlein des Schwanzes, wie Sie aus den nachfolgenden Ausführungen ſehen werden. Wer die einſchlägige Litteratur und das tägliche Leben kennt, der wundert ſich nicht, wenn das Schülermaterial in unſere Anſtalten, Städten und Fabrikorten in geiſtiger Beziehung abnimmt, degenexiext. Die Urſachen liegen, wie Statiſtik und Unterſuchungen ergeben, zum großen Teil in unſern ſozialen und wirtſchaftlichen Verhältniſſen. Gegenwärtig, wo nicht vur ein unerbittliher Kampf ums Daſein geführt wird, ſondern das Dichten und Trachten einer ungezählten Menge dahin geht, möglichſt viele Mittel zu erhalten, um ungezügeltem Genuſſe zu frönen, muß die Nervoſität weite Kreiſe ergreifen und viele dauernd ſchädigen. Da dieſes Genießen nicht allein in üppigem Eſſen und unmäßigem Trinken, in unſinnigem Sport und ſonſtigen, oſt ungeſunden Liebhabereien beſteht, ſondern ſich häufig auch auf geſchlechtliche Verirrungen erſtre>t, wird die Sache nur noch ärger. Kummer und Sorge, Not und Elend, Wohlleben und Praſſen, Leidenſchaft und Laſter entnerven Erwachſene und leider auch ſchon Kinder, oſt ehe ſie es ſelbſt verſchulden. Das iſt gerade das Traurige, daß hier die Vererbung eine jo große Rolle ſpielt. Insbeſondere folgenſchwere Bödeutung haben Trunk- ſucht und Syphilis. Der Vollſtändigkeit wegen müſſen auch nog andere Urſachen genannt werden. Zu Schwachſinn dis8ponieren: Heiraten unter Blutsverwandten, unter ganz jugendlichen und halbreifen Perſonen, wie auch zuweilen unter Berſonen von höherem Alter. Die Natur läßt ſich eben auch in dieſer Beziehung nicht vergewaltigen; alles Entſtehen will ſeine richtige Zubereitung und Zeit haben. Unter den Urſachen des in den erſten LebensSjahren erworbenen Schwachſinns ſind zu erwähnen: Krankheiten aller Art, beſonders ſolche, welche das Gehirn und das Gehör in Mitleidenſchaft ziehen; ferner Kopf- verlezungen, die dur< Mißhandlung, durch Schläge auf den Kopf und durch Fallen und Stürzen der Kinder häufig bei mangelnder Aufſicht ent- ſtehen; jodaun frühzeitiger Genuß geiſtiger Getränke, Das iſt ein leidiger Übelſtand, daß manche Leute meinen, die Kinder können nur gedeihen, wenn ſie recht bald Wein oder Bier bekämen. Selbſt in kleinen Doſen ge- nommener Alkohol, regelmäßig erhalten, wirkt hier ſchädlich. Auc<h Un- reinlichkeit, mangelhafte Pflege und Nahrung, Aufenthalt in engen Woh- Die Leyrerin. XVII. Jahrgang. Heft 17. 49