Die Theorie der Bildungswerte 15 gegenüber dem Kampf der geiſtigen und politiſchen Mächte um Lehrplan und Schule. Der ſinnvolle Selbſtgeſtaltungsprozeß alles Geiſtigen habe im Läufe der Zeit aus ſi ſelbſt ſchon den Begriff des Klaſſiſchen, der eine durchaus einheimiſche. Kategorie der Bildung ſei, erzeugt. Die Gehalte der Erziehung müßten „bewieſene Möchte" ſein, ſie dürften nicht von geſtern ſtammen und morgen veralten. Sie müßten klaſſiſches Ge- präge haben. ähnlid) formuliert Aloys Siſcher als das Konſtruktionsprinzip jeder höheren Schule die „langjährige, planmäßig konzentrierte, asketiſche Beſchäftigung mit einer objektiv überſchaubar gewordenen, im Wertſinne des Wortes als klaſſiſc) zu bezeich- nenden Kultur". Nun iſt in der Tat das Rlaſſiſche einer der Epfeiler jeder Bildung, aber dennoch iſt für unſer Problem nichts dabei gewonnen. Denn weldye Inſtanz ſtellt feſt, was als klaſ- ſiſch zu gelten habe? Die Auffaſſung des Ulaſſiſchen kann nicht ſelber -- etwa vermittels einer allgemeingültigen Pädagogik -- kanoniſche Geltung für ſich beanſpruchen, ſon dern entſtammt entweder der hiſtoriſchen Überlieferung -- und iſt damit unter Um- ſtänden, beiſpielsweiſe heute, in deren Kriſis einbezogen -- oder ſie entſpringt jeweils aus den lebendigen Bedürfniſſen der Gegenwart. Jedes Bildungsideal entwidelt eine eigene Klaſſik. Es wäre eine Verkennung der Tendenz auf Gegenwartsnähe, die die modernen Bildungsideale erfüllt, wenn man glaubte, daß damit ein Verzicht auf Gül- tigkeit der Werte und auf geiſtige Diſtanz ausgeſprochen und eine ſtoffliche Behandlung gegenwärtiger Nöte unbedingt gefordert ſei. Wir können heute mit Spranger min- deſtens drei Formen von Klaſſik unterſcheiden, die für jeweils beſtimmte Teile unſeres Volkes und ihre Bildungsziele kanoniſMe Geltung haben. Den religiös-<Oriſtlichen Klaſſizismus, der in ſich ſelber aber wieder, und gerade heute, aufs ſchärfſte gegenein- ander geſpannt, zwei oder drei Sonderformen enthält: eine mittelalterlich-katholiſche, eine lutheriſch-kalviniſche und vielleicht nod) einen neuen ſelbſtändigen Verſuch der Renaiſſance des Urchriſtentums; den humaniſtiſchen, in dem der Begriff der URlaſſik entde>t wurde, und um den eben darum heute der eigentliche Streit geht, und den poli- tiſcen, verkörpert im preußiſchen Staat5sgedanken, der aber heute wieder drei nicht eben identiſche Formen kanoniſiert: eine friderizianiſche, eine aus dem Geiſt der preußiſchen Reform und der Sreiheitskriege und eine bismardiſce, von ſichtbaren Anſäßen anderer ſtaatlicher Idealbildung ganz abgeſehen. Es bedarf einer entſcheidenden Inſtanz gegen- über dieſen verſchiedenen Möglichkeiten von Klaſſik. Au wenn nun etwa die drei Ideale ganz zuſammengenommen werden ſollen, müßte ihr Spannungsverhältnis an- gegeben werden, und die Tatſache unſerer Abſtammungsbeziehungen zu allen drei Formen erleichtert niht etwa die Entſcheidung, da ſich ſofort dabei ergibt, daß eben dieſe Spannungen und eben dieſe Abſtammungsbeziehungen den Wunſch nach dem Rüdgang auf das Rlaſſiſche erzeugt haben. Cs muß immer wieder.um das Klaſſiſche und um die Bezüge unter den klaſſiſcen Inhalten unſerer Kultur gekämpft werden, und es bedarf erſt no< der Unterſuchung, unter welchen Vorausſezungen eine Ent- ſcheidung über das Rlaſſiſche für eine Bildungsarbeit zuſtande kommt. Jeder Derſuch der Seſtſezung eines Gültigen und Klaſſiſc<en außerhalb der konkreten Situation und außerhalb des Lebensraumes, in dem die Bildung jeweils ſtattfindet, iſt hoffnungslos, weil er eine metaphyſiſche Einung vorausſeßt, deren Sehlen alle unſere Überlegungen über die Auswahl und Konzentration der Bildungsinhalte gerade erſt hervorgerufen hat. Beharrt man bei dem metaphyſiſchen Ausgangspunkt für die Er- wägungen über das Lehrplangefüge, ſo wird man damit notwendig Anwalt einer