292 Staatliche und nationale Erziehung Alle Momente gehören zuſammen, gewinnen aber ihre tiefſte Bindung erſt durch den Raum, den ein Volk bewohnt, durd) Heimat und Vaterland. Cs iſt kein Zufall, daß eben dieſe Begriſſe, Daterland und vaterländiſche Idee, die größte Heiligkeit einſchließen. Dergegenwärtigen wir uns nur ſogleich, daß die reale Faſſung, die Begrenzung dieſes Vaterlandes wieder ein durchaus hiſtoriſcher Begriff iſt, beſtimmt durch alte oder neue Grenzen der Staaten. Gerade der Schweizer iſt ſtolz auf ſein Vaterland, mag es auch geographiſch, nach Sprache und Dolkstum in viele Teile zerfallen. Dagegen bleibt allerdings der Heimatbegriff etwas Abſolutes. Don ihm aus weiten ſich die Lebens- freiſe ideell aus zu dem größeren Daterlande als dem Boden, auf dem ſich das Leben der nationalen Gemeinſchaft abſpielt. So liegt das ſtärlſte gefühlsmäßige Bindemittel zwiſchen dem Einzelnen und dem Geſamtvalk unſtreitig in der heimat. Der Begriff iſt heute vielfach ſtark verweichlicht durch äußerliche volkskundliche Dinge. Wir müſſen uns ſchon führen laſſen durc ſtark empfindende Menſchen, um den elementaren Begriff entſprechend groß zu faſſen. „Wo Dir Gottes Sonne zuerſt ſchien, wo Dir die Sterne des Himmels zuerſt leuchteten, wo ſeine Blitze Dir zuerſt ſeine Allmacht offenbarten, und ſeine Sturmwinde Dir mit heiligem Schreden durch die Seele brauſeten, da iſt Deine Liebe, da iſt Dein Daterland", ſo rief Ernſt Moritz Arndt im KRatechismus für den deutſchen Wehrmann von 1813. „Wo das erſte Menſchenaug ſich liebend über Deine Wiege neigte, wo Deine Mutter Dich zuerſt mit Sreuden auf dem Schoße trug und Dein Dater Dir die Lehren der Weis- heit und des Chriſtentums ins Herz grub, da iſt Deine Liebe, da iſt Dein Vaterland. Und ſeien es kahle FSeljen und öde Inſeln und wohne Armut und Mühe dort mit Dir, Hu mußt das Land ewig liebhaben, denn Du biſt ein Menſd) und ſollſt nicht vergeſſen, jotivern behalten in Deinem Herzen“. Der Heimatſinn iſt im einzelnen ſehr verſchieden gefärbt, je nad) dem hiſtoriſchen und perſönlichen Zuſammenhang, in dem das Uind aufwächſt. Zu dem Elementaren von himmel und Erde, Dater und Mutter, perſönlichen Erinnerungen und Jugend- erlebnis geſellt ſid) mancherorts als ſtarke Bereicherung die Summe hiſtoriſcher Crinne- rungen oder der Reiz gegenwärtigen Lebens. Für den Gebildeten iſt der Begriff reicher; er braucht deshalb nicht tiefer zu ſein. Zür den Bayern und Schleswig-Holſteiner iſt er ſtark politiſch durchſetzt; vielleicht auch für andere Landſchaften. Daß dabei auc) Anti- nomien zwiſchen Heimatjinn und Nationalgefühl eintreten können, wird uns noch beſchäftigen. 111 Viel ſ<hwieriger, als das Derhältnis des einzelnen zur Nation, iſt ſein Verhältnis zum Staat. Handelt es ſich bei Dolfstum und heimat um elementare, naturgegebene Dinge und deshalb auch um völlige Freiheit des Empfindens und der Zuneigung, ſo liegt es beim Staat genau umgekehrt. Der Staat und ſeine Grenzen ſind in jedem Einzelfalle un- abhängig von den natürlichen Verbundenheiten der Menſchen. Das Entſcheidende iſt hier allein die Macht, und zwar die relative Macht. Gleichwohl iſt jeder Staat <Harakte- riſiert durc den Anſpruch auf abſolute Autorität, auf Derfügung über Leib und Leben. In ſeinem Weſen liegt von haus aus nichts von natürlicher Zugehörigkeit, von freier Neigung. Erſt die tätige, wohl gar ruhmvolle Mitwirkung am Staat, an ſeiner Größe und an ſeinem Anſehen, oder die Einſicht in den Nußen des Staates für Sicherheit und Wirtſchaft, für Kultur und äußeres Behagen können und werden ihm die herzen der Menſchen gewinnen. Alle Erfahrung hat gelehrt, daß an ſic) weder Sprache nod) Volks-