Das Weſen des Staates 295 tum, nod zerſtörter hiſtoriſcher Zuſammenhang das glüdliche Zuſammenleben in einem Staate ernſtlich gefährden, der Frieden und Sreiheit zugleich gewährt. Das alte römiſche Reich war wirkli) eine Art völkerverſöhnender Staat, =- nicht zum wenigſien durch die Überlegenheit einer auch ſchon aus zweiter Hand ſtammenden Weltkultur. Das alles bedarf keiner längeren hiſtoriſchen Nachweiſung, weil es ſich hier um allgemein be- kannte, im ganzen aud) klare Gegebenheiten handelt. Wenn aber unſer bisheriger Gedankengang vorwiegend hiſtoriſc) geweſen iſt, ſo ſtehen wir jezt an dem Punkte, wo wir die Aufmerkſamkeit des Leſers darauf zurüc- lenken müſſen, daß, wenn nicht zu allen Zeiten, ſo doch ſehr früh neben der hiſtoriſchen Wirklichkeit und der hiſtoriſchen Betrachtung des Staates aud) ſeine rationale Rritik eine Rolle geſpielt hat. Der Grieche, von dem wir zuerſt Wort und Inhalt der „Politik“ übernommen haben, dachte zeitig nad) über den Staat und verſuchte, ihn in Gedanken nachzukonſtruieren oder neu aufzubauen. Er hat ihn theoretiſch) aufgebaut auf den ein- zelnen Samilien; als ſeine Zelle erſchien ihm das Haus, der Oikos, und die Oikonomia (die Ordnung des Hauſes) wurde die Grundlage aud für die Ordnung des Staates, woraus unſere Neuzeit die „Uationalökonomie“ gemacht hat. *) Es iſt gleichgültig, daß vermutlich niemals Staaten in Wirklichkeit ſo aufgebaut ſind, aber nach dieſer Konſtruktion denkt ſeitdem ein Teil der gebildeten Menſchheit ſich den Staat in ſold)er Struktur. Ein anderer iſt weiter gegangen und ſuchte, no weniger hiſtoriſch, das Grundelement des Staates im Individuum, was vernünftigerweiſe ur- ſprünglid) nur der führende Hausvater geweſen ſein könnte, aber nur zu oft ganz buch- ſtäblid) auf die Cinzelweſen umgedacht worden iſt, wie ja etwa die <riſtlihe URirche aud) nur die einzelnen getauften Seelen kennt. Nod) mehr. Da zu ungezählten Zeitpunkten in der Geſchidte ſich die Denker über den Staat im Widerſprud) befanden zu dem wirklichen Machtſtaat ihrer Tage, konſtruierten ſie ſic) auch ein Gefüge der Familien oder der Individuen, das ſie ſich unabhängig vom Staat als „Dolt“, nicht im Sinne einer konſtitutionellen Verfaſſung, ſondern als den ideellen Träger des Staates überhaupt, als „Geſellſchaft“ dachten. Auch das hat es als wahre Einheit nie gegeben, denn der Staat als reine Macht iſt, ſoweit unſer geſchichtliches Wiſſen reicht, überall älter als ſeine ſcheinbar natürlichen Elemente. Aber mit allen dieſen Begriffen des Individuums, der Familie, der Geſellſchaft, auc mit den Wirtſchaftsbegriffen von Produktion, Tauſc) und Verbrau als Lebensele- menten dieſer Geſellſchaft müſſen wir bei Betrachtung des Staates rechnen. Denn genau ſo wie das hiſtoriſche Denken über den Staat niemals auszuſchalten iſt, ſo wenig auch das rationale. Ja, die hiſtoriſche Forſchung lehrt auf Schritt und Tritt die gewaltige Be- deutung der ſogenannten Staatstheorien, d. h. aller rationalen Vorſtellungen über das Wejen des Staates, das Werden, das Recht und die Elemente des Staates. Aud) für die Staatserziehung liegen deshalb offenbar hier ſehr wichtige Größen. Sreilid) häufen ſich auch ſogleich) wieder die Probleme. Denn alle Staatstheorie iſt durchſeßzt von ſittlichen Ideen. Das Beſtehende iſt zu allen Zeiten gemeſſen an dem Seinſollenden, die Wirklichkeit an einem Ideal. Natürlich ſpielt in vielen Staatstheorien das Verlangen nad) einer anderen Verteilung der Macht oder gar des Beſitzes innerhalb der Rechtsordnung des Staates eine Hauptrolle. Aber nicht darum handelt es ſich für uns, ſondern um das ideelle Derhältnis des Staates zu Recht und Sittlichkeit. 1) Ariſtoteles Politik überſezt und erläutert von C. Stahr, Stuttgart 1860, S. 97 ff.